Von François Bondy

Zuerst in Paris bei Edition du Seuil erschienen sind die Erinnerungen des "Leutnant Heller", der die Aufgabe der Buchzensur im besetzten Paris übernommen hatte. Deutlicher könnte die Bindung dieses tätigen Zeugen der Zeit an die französische Kultur und zugleich die französische Sympathie für diesen Beauftragten des Feindes nicht dokumentiert werden. Nun sind sie in deutscher Übersetzung erschienen, aber ihr Autor hat die deutsche Ausgabe nicht mehr erlebt – vor wenigen Wochen ist er in Baden-Baden gestorben:

Gerhard Heller: "In einem besetzten Land. NS-Kulturpolitik in Frankreich – Erinnerungen 1940-1944." Unter Mitarbeit von Jean Grand, Einleitung Hanns Grössel. Aus dem Französischen von Annette Lallemand-Rietkötter; Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982; 255 S., 34,– DM.

Heller hat frühere Aufzeichnungen verloren, einen Teil selber vernichtet. Erst in Konfrontation der eigenen Erinnerungen mit deutschen und, weit mehr, französischen Zeugnissen und Untersuchungen hat Heller diese späte Rechenschaft geben können, die ihm Jean Grand, ein Freund, in langer Zusammenarbeit entrissen hat. Noch vor der deutschen Ausgabe wurden sie zur wichtigen Quelle für Werke wie Herbert Lottmanns französisch und englisch erschienene Geschichte der französischen Intellektuellen "Rive Gauche".

Ernst Jünger, der Goethe-Preisträger dieses Jahres, hat über Heller geschrieben: "Von Natur und Charakter zum agent de liaison im besten Sinn des Wortes geboren, hat er ein Netz von Fäden geknüpft, das den Stürmen der Zeit widerstand." Der einstige Zensor hat nach dem Krieg in der französischen Zone die Zeitschrift "Lancelot" gegründet. Vor zwei Jahren hat ihn die französische Akademie für seine Förderung der französischen Kultur ausgezeichnet – und damit war nicht nur die Tätigkeit nach dem Krieg gemeint. Nach der Enteignung der jüdischen Verlage, der Eliminierung aus den Verlagsprogrammen aller jüdischen Schriftsteller ging es den Okkupanten mehr um Gewinnung, man mag auch sagen: die Verführung bedeutender Schriftsteller, als um einen generellen Feldzug gegen die "zersetzende" Pariser Literatur. Während die französische Wirtschaft zunehmend radikaler ausgebeutet und unterworfen wurde, sollte der Pariser "Glanz" erhalten werden. In anderen besetzten Ländern wie Polen ist von einer solchen Chance zur "Kollaboration" nie die Rede gewesen.

Ist die Toleranz im Rahmen des gerade noch Möglichen die besondere Tat, die "Fronde" des Leutnant Hellers gewesen, dem manche gleichgesinnte Besetzungsfunktionäre und Offiziere stillschweigend Unterstützung gewährten, oder gehörte die Wahrung der Fassade zu einem Plan, war sie – Heller zitiert das Wort – ein "Köder"? Der Zensor war in seiner Beziehung zu den französischen Autoren in der zwiespältigen Lage, daß manche von ihnen – allen voran Jean Paulhan im Verlag Gallimard – ihn selber "verwandelt" und vom Antisemitismus kuriert haben, den er, ohne Nazi zu sein, bis dahin empfand. Zugleich mußte er vor der Denunziation durch andere französische Schriftsteller zittern, deren Bekenntnis zu Hitler vorbehaltlos und extrem war. Französische Schriftsteller hohen Ranges sind damals rabiate Antisemiten gewesen. Gibt es entsprechende deutsche Beispiele?

Wenn Heller Schriftsteller- und Künstlerreisen nach Weimar und Wien organisierte – einmal fuhren die gehätschelten Intellektuellen an einem Zug mit französischen Kriegsgefangenen vorbei, und Verlegenheit breitete sich aus – so wendete er keine Druckmittel an, nicht nur weil es ihm nicht entsprach, sondern auch, weil es nicht nötig war. Die "Kollaboration" war freiwillig, bei Schriftstellern wie Alphonse de Chateaubriand begeistert, während Céline und Brasillach drängten, man solle bei der Judenausrottung die Kinder nicht verschonen ... Im Vorwort des Kenners Hanns Grössel ist die Rede von "trügerischer Vielfalt des Angebots" und – Sartre zitierend – von "künstlerischem Leben".