Von Christian Schmidt-Häuer

Peking, im Oktober

In der Halle der "Mittleren Harmonie" – einem Zustand, der dem Klima des ersten Bonner Staatsbesuches in China durchaus entsprach – konnte sich Bundespräsident Carstens eine spontane Belehrung nicht verkneifen. In der einst verbotenen Stadt, durch die heute Heere unbekümmerter Ausflügler ziehen, bewunderte der Gast seien goldenen Thron der Ching-Dynastie. Auf diesem Prunkstück, so die chinesischen Begleiter, seien die Mandschu-Kaiser zu ihren Amtsgeschäften getragen worden. "Das ist aber sehr ungesund", meinte Wanderer Carstens mit mahnendem Zeigefinger. Was er für gesünder hält, demonstrierte der Bundespräsident an den Ming-Gräbern und an der Großen Mauer, die er mit raumgreifenden Schritten und kargen Kommentaren stürmte – der deutsche Troß hatte seine Not zu folgen. Deutsche Touristen bildeten begeistert Spalier: "Wir sind alle Münsteraner!" – "Ja? Dann grüßen die Münster, ich bin da gerade gewesen!"

Die Wanderlust des hohen Gastes hatte auch die chinesische Presse schon vor seiner Ankunft beschrieben und hinzugefügt, Carstens stamme aus einfachen Familienverhältnissen und schätze eine sparsame Lebensführung. Damit zeichnete würde; Propaganda einen Staatsmann, der in die heutige Musterfibel für Junge Pioniere passen würde; denn Chinas Steuermann Deng Xiao-ping versucht ja, Sein Land zur Selbstbescheidung und Sparsamkeit zu führen.

Den persönlichen Komplimenten für Carstens entsprach der offizielle Rahmen für diesen ersten Staatsbesuch, der mit dem zehnten Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zusammenfiel. Der Bonner Gast traf die wichtigsten Männer, die das nachmaoistische China von den immer noch verheerenden Folgen der Kulturrevolution vorsichtig zu heilen versuchen. Carstens kam mit Deng Xiao-ping zusammen, Chinas starkem Mann im Hintergrund, dessen Pragmatismus und Reformwillen freilich jüngst – auf dem XII. Parteitag – von Armee und orthodoxen Wirtschaftlern gebremst wurde. Er traf auch jene beiden Männer, denen Deng Sein Erbe anvertrauen möchte, wenn er, nach eigenen Worten, "bald Karl Marx liest"; Parteichef Hu Yaobang und Ministerpräsident Zhao Ziyang, beides Politiker, die noch kein Profil gefunden und bisher kaum ausländische Politiker getroffen haben. Und in einem Nebensaal der Großen Halle des Volkes erlebte der Bonner Staatsgast, wie beharrlich in China auch weiterhin Tradition gegen Modernisierung steht, das Alter gegen die Gruppe der Macher. Carstens traf für wenige Augenblicke seinen eigentlichen Gastgeber, den 85jährigen Vorsitzenden des Volkskongresses, Marschall Je Jianying.

Es war eine Szene, die beklemmend an Maos letzte Auftritte erinnerte. Je Jianying, einer der zehn Marschälle des Langen Marsches, inzwischen paralysiert wie der Große Vorsitzende Anfang der siebziger Jahre, mußte von Helfern stocksteif auf einen Stuhl gehievt werden. Aber dieser Mann, der unbeweglich an maoistischen und militärischen Traditionen festhält, sitzt weiter auf dem Posten des Staatspräsidenten. Und beim Parteitag kam er sogar ins neue sechsköpfige Politbüro. Deng hatte vergeblich versucht, Veteranen wie Je Jianying in eine Beraterkommission abzudrängen. Inzwischen spricht sich in Peking langsam herum, daß die Militärs unmittelbar vor dem Parteitag am 1. September intervenierten. Sie stützten sich gerade auf den alftn Je Jianying und jene Traditionalisten, die die Welt nicht mehr verstehen, weil sich Chinas städtische Jugend nach Kassettenrecordern und Hongkong-Uhren drängt,

In dieser Lage ist der geschickte Taktiker wieder zu vorsichtigen Balance-Akten genötigt. Er hat die wirtschaftlichen Experimente und Reformen immer stärker den Realitäten angepaßt; Pekings kapitalistische Wirtschaftspartner wissen, daß die nächsten Jahre mager bleiben werden. Die Öffnung gegenüber dem Ausland ist wieder strikt auf offizielle Kontakte reduziert worden. Besonders im letzten halben Jahr haben sich auch die mutigsten Chinesen von ihren westlichen Freunden in Peking zurückziehen müssen. Die Sowietunion ist China deshalb nicht näher gerückt. Aber Deng scheint jetzt entschlossen, seinen Nachfolgern wenigstens entschärfte staatliche Beziehungen mit Moskau zu hinterlassen – was noch lange nicht Annäherung bedeutet. Doch Nuancen der neuen Diplomatie und der neuen Sachlichkeit gegenüber Osteuropa bekam auch der Bonner Gast zu spüren. Insofern war dieser Staatsbesuch eine doppelte Premiere.