Kaum hat er das Bundeskanzleramt verlassen, stürzt sich Helmut Schmidt schon in die nächste Schlacht. Auf den Kongressen der Gewerkschaften Textil – Bekleidung sowie Bau – Steine – Erden trat er als ferventer Klassenkämpfer auf, der nur noch "uns hier unten" und "die da oben" kennt. Denen oben – den Villenbesitzern in "Kronberg und Oberursel", er sprach in Frankfurt, die "ein Ferienhaus an der Costa Brava" haben und ein "Grundstück in Kanada" – drohte er als gnadenloser Verfolger. Jenen seiner guten Freunde, die er gelegentlich auf ihrer Dependance in Spanien oder auf der Yacht im Mittelmeer zu besuchen pflegt, muß das recht seltsam in den Ohren geklungen haben.

Seine Zügellosigkeit bekam auch Norbert Blüm, der ebenfalls als Gast anwesende neue Arbeitsminister, zu spüren. Blüms "Lohnpausen"-Vorschlag diente Helmut Schmidt dazu, ihn mit der Herablassung des Weltökonomen zusammenzustauchen, bis seine Worte im aufbrausenden Jubel der Gewerkschafter untergingen.

So billig hat Helmut Schmidt schon lange nicht mehr in der Menge gebadet. So falsch sind er und die Gewerkschaften sich noch selten einig gewesen. Und so schnell ist die Wandlung von Schmidt-Staatsmann zu Schmidt-Schnauze für niemanden zu verdauen – am allerwenigsten für ihn selber. N. G.