Von Helmut Clemens

Darüber zu streiten, ob am Johannistag 1981 im kommunistischen Jugoslawien einer Gruppe von Jugendlichen die Madonna erschienen sei, mag der katholischen Kirche überlassen bleiben, bei der keineswegs Einigkeit in dieser Frage herrscht. Beachtenswert aber sind die sichtbaren Konsequenzen des "Wunders", das hier seit nunmehr einem Jahr staatliche wie kirchliche Instanzen gleichermaßen in Verlegenheit setzt und an jedem Wochenende Heerscharen von Pilgern aus dem In- und Ausland ins kleine Medjugorje im herzegowinischen Karst treibt.

"Ich habe mit eigenen Augen das Licht auf dem Berge gesehen", erzählt der Bauer, der sieben Kilometer zu Fuß zum Gottesdienst in Medjugorje unterwegs ist und am Ortsausgang von Citluk als Anhalter in mein Auto steigt. "Ich und viele andere auch", sagt er. Und eine von den beiden Frauen, die ich auf dem Rückweg mit ins 27 Kilometer entfernte Mostar nehme, behauptet das gleiche. "Es sah aus wie ein brennender Dornbusch, aber man fand an der Stelle später kein Stäubchen Asche", versichert ein Franziskanerpater.

An diesem gewittrigen Sonntagabend bringt die Sonne hinter bizarren Wolkenfetzen über dem von einem Betonkreuz gekrönten Erscheinungshügel Luftspiegelungen hervor, die ahnen lassen, daß gläubige Bereitwilligkeit dort durchaus Unwirkliches auszumachen imstande sein könnte: ein himmlisches Licht, ein Zeichen der Madonna? Für die Halbwüchsigen, die sie gesehen haben wollen und denen sie seither angeblich Tag für Tag von neuem erscheint, ist das keine Frage.

"Nimm Weihwasser mit und bespreng die Erscheinung", hatte eine Großmutter ihrer Enkelin geraten. "Und dann sagst du: Wenn du die Gottesmutter bist, dann bleib, wenn nicht, dann hau ab!" "Das war lustig", findet der Pater, der die Geschichte auf deutsch erzählt. "Aber sie blieb", freut er sich.

Und so blieben die Probleme für die Partei und für die weltlichen Organe von Citluk. Das heißt, nun begannen sie erst. Denn nun rissen die Pilgerströme nicht mehr ab, und die Berichterstatter waren in der Beschreibung der Größenordnung nicht zimperlich. Die Vorsichtigen sprachen von 20 000 Gläubigen, andere hielten 50 000 für nicht übertrieben. Auf meine Frage, wieviele es denn nun wirklich gewesen seien, meint der Bürgermeister der Gemeinde Citluk, zu der Medjugorje gehört, bissig: "Das interessiert uns nicht." Dabei interessiert es zum mindesten die Miliz, denn dort, wo die kleine Straße von der Magistrale nach Medjugorje abzweigt, steht ein Wagen mit zwei Polizisten, die freilich nicht die Wagenpapiere, sondern den Paß zu sehen wünschen. "Eine gefährliche Kreuzung", lügt der Bürgermeister, statt seiner errötet die intelligentere und konziliantere Dame von der sozialistischen Allianz, die auch dem Kreisparteivorstand angehört.

"Wir haben hier viel Interessanteres", klagt der noch jugendliche Ortsgewaltige. Noch vor wenigen Wochen hat er in einer der fünf Citluker Fabriken als Ingenieur gearbeitet, ehe ihn die Rotation der Funktionäre für ein Jahr auf den Rathaussessel beförderte. Ihn wurmt es, daß noch keine deutsche Zeitung über die Zusammenarbeit seines Betriebs mit der Fahrradfabrik im saarländischen Ennepetal berichtet hat, "aber das interessiert ja die Journalisten nicht", knurrt er. Die Tatsache, daß es in einer kommunistischen Gemeinde, die über die 3000 Ortsbewohner hinaus 14 000 Köpfe zählt, 13 katholische Kirchen gibt, findet er zwar auch bemerkenswert, möchte darüber aber nicht diskutieren. Für ihn ist ausgemacht: Alles, was mit der Erscheinung zusammenhängt, ist inszeniert. Von wem? Er weiß keine Antwort.