Andreas Hillgrubers Darstellung des Zweiten Weltkriegs: Eine Tragödie der Irrungen

Von Sebastian Haffner

Man wird nicht sagen können, daß die deutsche Literatur im ganzen genommen heute eine Hochblüte erlebe, aber einen blühenden Zweig hat sie doch: die Geschichtsschreibung. Allein in diesem Jahr sind vier Meisterwerke dieses Genres erschienen, von denen nur eins, Barings "Machtwechsel", bisher die gebührende Aufmerksamkeit eines großen Publikums gefunden hat. Die drei anderen, Christian Meiers "Caesar", Hans-Christoph Schröders "Amerikanische Revolution", und schließlich das hier anzuzeigende

Andreas Hillgruber: "Der Zweite Weltkrieg 1939-1945. Kriegsziele und Strategien der Großen Mächte; Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1982; 197 S., DM 28,–

blühen einstweilen im Verborgenen. Wenn man das bei den beiden erstgenannten noch aus der Stoffwahl allenfalls erklären kann – weder Caesar noch die amerikanische Revolution sind Themen, die dem deutschen Leser von heute geradezu auf den Nägeln brennen –, so ist es bei Hillgrubers Werk schwer verständlich. Denn wo gibt es das schon: auf knapp 200 Seiten eine gestochen scharfe, streng objektive Gesamtübersicht über das Ungeheuerliche, das man hier zum erstenmal mit einem Blick erfassen kann – sozusagen aus der Vogelschau oder, besser noch, in der Aufnahme einer Satellitenkamera?

Weder ein deutscher noch, soweit mir bekannt ist, ein ausländischer Historiker hat das bisher gewagt. Alle bisherigen Schilderungen des Zweiten Weltkrieges sind von irgendeinem nationalen oder ideologischen Standpunkt aus geschrieben, alle nehmen Partei, alle wollen etwas beweisen. Alle ziehen den Leser in das Drama hinein, lassen ihn für die eine oder andere Seite zittern, sich begeistern oder sich entrüsten. Nichts davon hier.