Seit die neue Bundesregierung die Neuverschuldung energisch abbauen und die öffentlichen Haushalte konsolidieren will, macht das Wort vom "Kaputt-Sparen" die Runde. Auch Helmut Schmidt warnte vor einer Deflationspolitik.

In der Politik ist das Spiel mit Scheinargumenten sehr beliebt. So reden heute manche mit besorgter Miene von Deflation, die nur Einschnitte ins soziale Netz zum Zwecke des Schuldenabbaus verhindern möchten. Die Kassandras verweisen auf die Absichten der neuen Bundesregierung, die Ausgaben zu drosseln. Sie sehen in der – zugegeben eher propagandistisch als faktisch wirksamen – Kürzung der Bonner Ministergehälter ein böses Omen und verfolgen mit Sorgenfalten auf der Stirn das Schicksal des unglücklichen Blümschen Vorschlags einer sechsmonatigen Lohnerhöhungspause. Sie mißbilligen das alles. Für sie sind das Beweise dafür, daß die Bundesregierung zum "Totsparen" entschlossen ist.

Selbst Männer, die es besser wissen müßten, machen sich die These von der drohenden Deflation zu eigen. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, Otto Wolff von Amerongen, hat doch kürzlich in einer Fernsehsendung auf eine entsprechende Frage tatsächlich geantwortet, daß deflatorische Entwicklungen zwar nicht bei uns, aber in den Vereinigten Staaten zu beobachten seien.

Eine Deflation ist das Gegenteil von Inflation. Drückt sich diese im ständig steigenden Preisniveau aus, so läßt sich jene an seinem nachhaltigen Fallen ablesen. Der New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 und die ihm folgende internationale Finanzkrise leiteten eine solche Deflationskrise ein. In ihrem Verlauf verloren über 30 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz. Die Warenpreise fielen um 40 Prozent. Die Industrieproduktion ging um die Hälfte zurück, der Welthandel fast um ein Drittel.

Was in jener Zeit in Deutschland geschah, führen die Anhänger der Deflationsthese gern als Horrorgemälde in die heutige Diskussion ein. Der Bremer Nordwolle-Konzern brach damals zusammen, wodurch die Darmstädter und Nationalbank schwere Verluste erlitt. Die Einleger wurden nervös und hoben ihre Spargelder ab. Die Reichsbank war nicht bereit, den Banken zu helfen, weil sie sich an die vom Gesetz vorgeschriebene Golddeckungsgrenze gebunden fühlte.

Am 31. Juli 1931 wurden die Banken geschlossen und Bankfeiertage verordnet. Die Zahl der Konkurse stieg, die Preise verfielen, das Arbeitslosenheer wuchs. Die Soziallasten des Staates nahmen zu, die Steuereinnahmen gingen zurück. Die Reichsregierung, die Reichsbank und die Wirtschaft fürchteten damals nichts so sehr wie Haushaltsdefizite. Um den Haushalt auszugleichen, entschlossen sie sich zu Ausgabensenkungen und zur Erhöhung der Steuern. Reichskanzler Brüning hat mit Hilfe von Notverordnungen des Reichspräsidenten diese falsche Politik bis zum Exzeß getrieben. Der Name Brüning steht für Deflation.

Vergleiche der gegenwärtigen Lage mit den Dreißiger Jahren hinken. Allenfalls erinnern heute einige Parallelen an die Weltwirtschaftskrise unseligen Angedenkens: sinkende Steuereinnahmen, Steuererhöhungen, Ausgabenkürzungen. Vom entscheidenden Symptom aber, das die Deflationskrise ausmacht, sind wir noch weit entfernt – vom sinkenden Preisniveau. In keinem Land der westlichen Welt ist es nach dem Kriege gesunken, weil nirgendwo die Geldmenge sank. Überall stieg und steigt sie. Selbst in den Ländern mit streng monetaristisch ausgerichteter Geldpolitik, wie in Großbritannien und bis vor kurzem in den Vereinigten Staaten, nimmt sie im Ausmaß der unvermeidbaren Inflation und des angepeilten Wirtschaftswachstums zu.