Die Zwischenrufe hatten in der Debatte über die Regierungserklärung Hochkonjunktur – Indiz dafür, wieviel Emotionen der Regierungswechsel freigesetzt hat. Die SPD, in Häufigkeit und Heftigkeit der Interventionen von der Union weit übertroffen, lud Zorn und Verachtung vor allem auf der FDP, und am meisten auf Genscher, ab.

Eine Blütenlese: "Mende der 80er Jahre"; "Das glauben Sie doch selber nicht, Herr Genscher!"; "Genscher gleich Verleumder!"; "Legendenspinnerei"; "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, Herr Genscher"; "Leere Phrasen"; "Heiße Luft".

Wo Genscher formulierte, "um es zu sagen", da bellte Herbert Wehner, "um es zu lügen"; wo der FDP-Vorsitzende davon sprach, "wir alle werden unsere gemeinsame Verantwortung nur erfüllen können, wenn wir in Achtung und Respekt miteinander umgehen", höhnte Wehner: "Na, ausgerechnet Sie!"

Gemessen an Genscher wurde sein Mitstreiter Gattermann fast freundlich betadelt; "Flattermann" wurde er tituliert. Und Lambsdorff, obwohl konsequentester Kämpfer für den Wechsel, blieb von peinigenden Bemerkungen völlig verschont. Geliebt wird er nicht von den Sozialdemokraten, aber respektiert. Genscher dagegen ist zum Inbegriff dessen geworden, was Sozialdemokraten hassen.

Als der Vizekanzler "meine Kollegen von der SPD" anredete, rief ihm Herbert Wehner zu: "Wir sind nicht Ihre Kollegen."

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Jene Redner der FDP, die sich entweder gegen den Koalitionswechsel aussprachen oder bewußt liberale Positionen bekräftigten, durften auf den Beifall der SPD rechnen; die CDU/CSU war da etwas ungnädiger. Die Abgeordnete Matthäus-Maier bekam zu hören "Ihre Basis denkt anders darüber"; "Gegen die eigene Partei profiliert es sich am leichtesten"; "Eitelkeit ist auch ein Defizit"; "Sind die Nachrichten richtig, daß Sie zurücktreten wollen?"