Das Wort "Kultur" kam zweimal vor: einmal als Ursprung "neuer Technik" und einmal als "politische Kultur". Kultur kam also nicht vor.

Die Sprach- und Denkleistung, die unser neuer Kabinettschef in seiner Regierungserklärung vom 13. Oktober vorführte, glich dem, was Adorno eine "Blague" nannte: vom Mutti-Deutsch ("vorrangiger heimischer Energieträger bleibt die deutsche Steinkohle") zu peinlichsten Anleihen hoheitlicher Sprache, die Klemperer in seinem Buch "LTI" analysierte: "Garant" und "geopolitisch" kommen so glatt von der Kohl-Zunge wie die "breiten Schichten" (unserer Gesellschaft).

Sprache ist Denken; wenn man diese etwas freie Übersetzung des schönen Satzes "Le style c’est l’homme" einmal gestattet – dann haben wir an der Spitze des Staates einen Mann, der selbstgewiß ist, aber nicht reflektiert; der sich seiner sicher dünkt, aber unsicher denkt; der rational zu argumentieren scheint, sich aber in den Redefiguren der Irratio bewegt.

"Erleben" und "bangen", "Opfer" und "Schmerz", "Gebot" und "Erblast": Das ist die wolkige Oberschicht seiner Sprache; die erdige Unterschicht ist der bürokratische Verwaltungston: Geburtenstarke Jahrgänge werden "untergebracht"; Beiträge werden "abgesenkt" und vertrauensbildende Maßnahmen werden "weiterentwickelt". So spricht der Leiter einer computergesteuerten Hühnerfarm. Nur wäre "Organ der Gemeinschaft" bei dem vielleicht der Hahn – hier ist es der Europäische Ministerrat. Diese ganze Rede stolpert von einem stumpfen Fertigbauteil der Sprache zum nächsten blassen Versatzstück: Verträge werden natürlich mit "Leben erfüllt", und die Ausländereinwanderung ist ebenso natürlich eine "Welle"; also eine Naturkatastrophe. Tauchen "neue Impulse" auf, dann gelten sie – dem Wohnungsbau.

Vom Regierungsprogramm wollen wir hier schweigen. Zu reden ist von der Rede. Von Habitus und Gestus einer so platten Sprache, daß sie – auch noch an heikelster Stelle – falsches Deutsch nicht meidet; anders wäre dieser Satz allerdings eine sensationelle 180-Grad-Kehrtwendung bundesdeutscher Politik: Das Nordatlantische Bündnis ist im Verständnis von Helmut Kohl "eine Allianz, die niemand bedroht". Das wäre für die künftigen Verhandlungen des Regierungschefs eine Position, der man mit Interesse zusähe. Oder meinte er vielleicht "niemanden"? So recht entzückt kann man nicht sein über einen Staatslenker, der in seiner ersten Rede gleich mehrere Male aus der Grammatik rutscht.

Aber nun soll man ihn ja vielleicht entzückend nicht finden. Doch irgend was finden möchte man schon. Die Wölbungen von Helmut Kohls Sprache sind ein vernehmliches "Vorwärts in die fünfziger Jahre". Nierentischstil. So einem Satz gebührt dann auch – nein, nicht die Palme, aber – der Gummibaum: "Es entspricht nicht unserer Auffassung von Vertragstreue, wenn die Regelung dieser Fragen zur Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Beziehungen gemacht würde." Die vollmundige Leere dieser Beamtensprache ist nicht imstande, einen Gegenstand, ein Problem, einen gedanklichen Zusammenhang zu greifen. Noch heute erinnert man sich an den großartigen dialektischen Satz aus John F. Kennedys Inauguraladresse: "Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country." Auf Oggersheimisch heißt das so: "Die Frage der Zukunft lautet nicht, wieviel mehr der Staat für seine Bürger tun kann. Die Frage der Zukunft lautet, wie sich Freiheit, Dynamik und Selbstverantwortung neu entfalten können. Auf dieser Idee gründet die Koalition der Mitte."

Diese Sprache ist feige, weil pseudokonkret; sie ist gefühlig ohne klares Gefühl; sie biedert sich an, aber bietet nicht an durchdachte Geschichte. "Unsere Republik, die Bundesrepublik Deutschland, entstand im Schatten der Katastrophe" – das ist ein tönendes Nichts: unwahr sogar. Sie entstand aus der Katastrophe, der selbstverursachten. Es ist die Sprachform, die durch die Verwendung des Schattenbilds uns neben unsere Geschichte stellt, jede Kausalität auflöst.