Von Petra KipphofF

Zeitgeist, die geistige Haltung der führenden Schicht während eines Zeitabschnitts, die ein Zeitalter beherrschende Gesinnung Sprach-Brockhaus, 1967

Eine buntbemalte Figur schwebt, über einem

Fensterrahmen mit Drähten montiert, an der Fassade des Martin-Gropius-Baus, die nach Ost-Berlin zeigt. Will die männliche Puppe, die aussieht wie eine davonschwimmende Galionsfigur, über die knapp zehn Meter entfernte Mauer in eine andere politische Landschaft entschweben, oder ist sie nur auf der Flucht vor der weiblichen Figur, die innen im Raum von einer eingezogenen Decke den Mann mit energischen Ruderbewegungen zu verfolgen scheint? Im Raum selber sind pinkfarbene und graue Kristalle an die Wände gemalt, in einer Ecke unter der Decke nistet, wiederum direkt auf die Wand gemalt, eine aus pastellfarbenen Stricheleien struppig zusammengesetzte Geisterfigur. Aber Jonathan Borofsky, der auch noch über dem Glasdach im Lichthof einen schwarzen Scherenschnittmann mit Hut ausgelegt hat, wollte mit diesem Beitrag zur "Zeitgeist"-Ausstellung ebenso wenig einen politischen Kommentar abgeben wie Jannis Kounellis, der ein Fenster zur guten Hälfte mit Steinen, Brettern, zerschlagenen Antiken-Abgüssen und einem Sprungfederrahmen hat zubauen lassen.

Unter 45 zur "Zeitgeist"-Ausstellung eingeladenen Teilnehmern gehören Borofsky und Kounellis zu einer Minorität von Künstlern, deren Arbeit sowohl mit der Zeit (die für sie etwas anderes ist als Dekoration oder Ideologie) wie auch mit dem Geist (dessen Ersetzung durch den Bauch von den die Ausstellung dominierenden "Neuen Wilden" zum Programm gemacht worden ist) etwas zu tun hat. Das Gros der anderen treibt teils Modenschau, teils Selbstdemontage. Zu den Selbstvernichtern gehören Andy Warhol, der nach seiner Urin-Abgabe auf der Kasseler documenta für Berlin rasch ein paar Architektur-Motive vom Klassizismus bis zur Hitlerzeit als Siebdruck vergrößert herstellen und unter dem Auftrags-Titel "Zeitgeist" von 1 bis 13 durchnumerieren ließ; und Gilbert und George, deren langweilige und opportunistisch bunt, munter und großformatig gehaltene Phototafeln in Berlin genauso nichtssagend sind wie sie schon in Kassel waren. Schade, daß diese beiden einstmals so poetisch spinnösen Engländer sich so haben korrumpieren lassen.

Warhol und Gilbert und George, Kounellis und Borofsky: auf der documenta 7, die gerade vor drei Wochen zu Ende ging, hat man sie auch gesehen, 28 von 45 "Zeitgeist"-Teilnehmern, die in Kassel dabei waren, sind schnell nach Berlin gereist, um ihren Teil zum Wanderzirkus der Kunst beizusteuern und rasch einen Auftritt abzuliefern. Muß das sein und muß das so sein?

Es muß so sein, weil Christos Joachimides, ein Grieche in Berlin, und sein Freund Norman Rosenthal, Ausstellungssekretär der Royal Academy in London, der Kunstwelt mal zeigen wollten, daß sie die wahren Sachverständigen sind, und weil sie im Berliner Kultursenator jemanden fanden, der bereit war, ihnen diesen 1,54 Millionen Mark teuren Lustgewinn zu finanzieren. Daß Joachimides mit seiner Feststellung, diese Summe (in der allerdings auch ein Beitrag des Innenministeriums enthalten ist) sei in Wahrheit viel zu gering, einem Senator, der in derselben Stadt gerade die "Hochschule der Künste" um 1,6 Millionen Mark beschneidet, nicht gerade einen Freundschaftsdienst erweist, ist ihm wahrscheinlich egal. Für ihn gelten andere Dimensionen und Maßstäbe: Er sieht sich als Erbe der "Armory Show", jenes legendären Erstauftritts der Moderne 1913 in New York, und der ersten documenta. Der Gropius-Bau, das noch im Geiste Schinkels entworfene Kunstgewerbemuseum, das im Krieg schwer beschädigt und erst durch seine Verwendung für die Schinkel- und Preußenausstellung 1981 wieder in den Blickpunkt gerückt wurde, kommt Joachimides deshalb gerade recht, weil er sich in diesem palastartigen Gehäuse als Medici fühlen kann, der hier seine Raffaels inszeniert (so vertraute er es der Illustrierten Zitty an). Der Medici auf Staatskosten, der uns allen in den letzten Wochen mit der Altäre eines Teppichhändlers aus Großanzeigen der Berlin-Werbung entgegenlächelte, konnte imponierende Dekorations-Aufträge vergeben: für die Galerien im Lichthof wurden acht Bilder im Format 4x3 Meter bei den Herren Middendorf, Mc Lean, Salle, Clemente sowie Gucchi, Paladino, Salome und Fetting bestellt (apropos Herren: daß zu dieser Ausstellung nur eine Frau eingeladen wurde, ist das einzige, was wirklich an Medici-Zeiten denken läßt). Für das Treppenhaus lieferte Penck zweimal Passendes im Format 5x10 Meter. Der Künstler als Maßschneider und Innendekorateur: einige haben auch gleich das angemessene Stück Skulptur mitgeliefert: Penck, Lüpertz, Chia, Paladino und Immendorff zum Beispiel. Der Beweis, der durch diese Maßarbeiten geliefert wurde, gilt, wenn schon nicht immer der Kunst, so doch dem Haus, das sich jetzt zum drittenmal als hervorragendes Ausstellungsgebäude erwiesen hat; es wäre ein Jammer, hier ein Museum zu installieren – die Stadt Kassel gräbt durch eine solche Tat gerade der documenta das Wasser ab.