Die schönen Tage der Tennissaison sind nun vorüber. Langsam verläßt der Kämpfe Hitze die abgelegten Bälle.

Auch Esthal III hat sich tapfer geschlagen. Alles ist verloren, sauf l’honneur, sagt Franz der Erste. Die Nummer zwei unserer Mannschaft, mit lächerlichen 46 Jahren noch ein Jungsenior, von Beruf Frührentner wegen eines Bandscheibenschadens, wieselflink, mit genügend Zeit, tagsüber, wenn andere arbeiten, an der Garagenwand raffinierte Schläge zu trainieren, wäre gern selber Nummer eins. Aber, obwohl in abgelegenem Landstrich wohnend, wissen wir doch, daß man etablierte, langjährige Mitglieder durch vulgäre Forderungen nicht inkommodiert.

In der Meden-Runde gelang es uns, die Vorjahresniederlage von 2 : 7 nach zähem Kampf gegen Kleinkarlbach III zu wiederholen. Auf der gepflegten Zweiplatzanlage von Wilgartswiesen verbesserten wir das Ergebnis des letzten Jahres um einen Punkt zum 3 : 6. Erneut hatte unsere hochgeschätzte Nummer drei mit psychologischer Kriegsführung und publikumswirksamen Einlagen großen Erfolg. Segeln bei ihm die Bälle nicht mehr so, wie sie sollen, schmeißt er nämlich den Schläger. Ist selbiger noch ziemlich neu, wird er kalkuliert behutsam in das weich federnde Netz geschleudert. Steigert sich sein Zorn bzw. ist sein Schläger schon älter, versucht er, den Schiedsrichtersitz zu zerhacken, der in unserer Region zur Rettung des Unparteiischen mit einem Schleudersitz ausgerüstet ist. Zuvor wird der arme Ball unter brausendem Applaus zum Mond geschossen. Oft verlangen Spielstand und strapazierte Nerven unseres Mannschaftskameraden, daß der Versuch unternommen wird, den Erdball zu spalten. Trotz jahrelanger Bemühungen erwies sich die Erdkruste in unserer Gegend (Buntsandstein) als härter als alle bisher verwendeten Schläger, die noch jedesmal zu zersplittern pflegten. Das hebt die Stimmung, beim Publikum breitet sich Frohsinn aus. Bei den nächsten mißlungenen Bällen vertilgt unser Mann die schmackhaften Teile der zerstörten Schläger: Besaitung, Griffband. Zeigt der Gegner noch immer keine ausreichende Wirkung, wird ein weiterer Schläger mit wagnerianischer Pose bis ans Heft in eine Zaunmasche gestoßen. Können Platzwart und beide Mannschaftsführer die Waffe nicht mehr herausziehen, rückt die freiwillige Feuerwehr an mit modernem Schneidwerkzeug und befreit das festgeklemmte Racket aus seiner mißlichen Lage.

Der Höhepunkt ist erreicht, wenn unser Sportfreund, am Tresen übrigens ein herzensguter Mensch, versucht, eins seiner Beine bis zur Hüfte in den Boden zu rammen und sich selbst zu vierteilen. Rumpelstilzchenkenner sprechen von diesem Ereignis noch lange in höchst anerkennender Weise. Nicht in jeder Saison muß er zu diesem letzten Mittel greifen. Meistens verläßt der sensible Gegner nervlich zerrüttet schon vorher den Kampfplatz und überläßt unserem Mann den Sieg.

Gegen Großfischlingen II haben wir sowieso nie eine Chance. Der Ort hat immerhin 400 Einwohner und ist daher in der Lage, aus einem schier unerschöpflichen Reservoir enthusiastischer Talente seine hervorragenden Spieler auszuwählen. Gegen Ungstein III wurde wieder alles versucht, den Gegner niederzuringen. Eigentlich hätten wir gewinnen müssen. Aber unser Grundlinienspezialist konnte auch in diesem Jahr mit den kurzen Bällen seines Gegners nicht fertigwerden. Seine Rückhandreturns verglühten im Netz, die Vorhandbälle trafen den die Anlage begrenzenden Drahtzaun. Erneut wurde der Verdacht geäußert, der Platz sei zu kurz.

Gegen Oberotterbach, obwohl auf fremdem Platz, wäre uns fast der große Durchbruch gelungen. Denkbar knapp endete die Partie mit einem 5 : 4, leider für die Gastgeber. Die Oberotterbacher mußten auf ihre Nummer sechs verzichten wegen eines vom Dorfschmied kurzfristig nicht zu beseitigenden Bruches des Kniegelenkscharniers seiner Beinprothese. Der wackere Kämpe wurde ersetzt durch den fast erblindeten Organisten der dortigen sehenswerten Dorfkirche. (Berühmtes Fresko: St. Anton vertreibt mit Rückhandschlägen den Teufel.) Dieses gegnerische Handicap entging unserer Nummer sechs, einem laufstarken, aber reaktionsschwachen Mediziner, der, verunsichert durch die eigenartige Spielweise seines Gegenübers, schließlich mehr Fehler machte als jener, womit die entscheidende Partie verlorenging.

Als Fazit nach diesem Jahrhundertsommer läßt sich folgendes feststellen: Unser schöner, weißer Sport wird zunehmend populärer, wozu wir in unserer Region sicher nicht unwesentlich beigetragen haben. Auch die beiden Einödbauern hinter Burrweiler wollen im nächsten Jahr einen Tennisclub gründen. Eine gewisse Verrohung der Sitten läßt sich nicht verleugnen: Bei den Herren wurden blaue Hosen gesichtet. Wie in den Vorjahren haben wir herbe Unbilden erlitten: Ich selbst beklage den Verlust meiner Armbanduhr, unsere Nummer drei die Zerstörung seines Hüftgelenks. Dieses soll sofort operativ ersetzt werden, so daß wir im nächsten Jahr mit kompletter Mannschaft hoffnungsfroh zum sportlichen Wettstreit bereit sein werden.