Kongreß wählen im Schatten der Arbeitslosigkeit

Von Michael Naumann

Washington, im Oktober

Ronald P. Reagan, ein 24jähriger Novize in der berühmten Truppe des New Yorker Jeffrey Balletts, ist arbeitslos. Er lebt von wöchentlichen Handreichungen jenes modernen Leviathans, den sein Vater, der Millionär und Präsident, so gern verächtlich macht: Der geschmähte Wohlfahrtsstaat zahlt dem jungen Mann an jedem Montag 125 Dollar. Pünktlich zum Weihnachtsfest, das ist gesichert, darf Ronnie jr. wieder professionell tanzen.

Für 11,3 Millionen andere amerikanische Arbeitslose, für 6,6 Millionen Kurzarbeiter, für 1,6 Millionen vollends Entmutigte (sie haben die Job-Suche endgültig aufgegeben) – für sie und ihre Familien birgt dieses Jahr kein ähnlich musisches Happy-End. Wollte der Präsident einmal das Oval Office nicht im Helikopter verlassen, sondern die wenigen Straßenblocks zu Fuß abschreiten, die das offizielle vom armen, meist schwarzen Washington trennen, dann träfe er sie: Amerikas chronische Arbeitslosen, die gelangweilten Männer, die schwarzen Teenager (46 Prozent Arbeitslosigkeit) – sie stehen an Straßenecken, sitzen auf Eingangstreppen, und die ausgetrunkenen Bierbüchsen, die sie wegwerfen, heben kleine Kinder wieder auf; in den Slums entwickelt sich eine neue Sammlergesellschaft. Altmetall hat neuen Klang.

Rückkehr des Industrie-Darwinismus

Im Stahlort Midland im Bundesstaat Pennsylvanien, rußig und solide wie Hattingen an der Ruhr, schlugen vorige Woche dumpf die Kirchenglocken, als die Crucible-Hütte (5000 Arbeitsplätze) endgültig ihre Werkstore schloß: Es war auch das Grabgeläut für eine verfehlte Wirtschaftspolitik, für zwei Jahre angebotsorientierter Wirtschaftsdoktrin, für Ronald Reagans Traum von Amerikas Renaissance der tadellos-tüchtigen Industriegesellschaft, die der Nation von 1943 bis 1974 einen anhaltenden Wirtschaftsboom – von mittleren Talsohlen abgesehen – beschert hatte. Die weltweite Rezession, der ökonomische Strukturwandel von der hoch- zur postindustriellen Gesellschaft (65,8 Prozent des Bruttosozialprodukts entstammen dem Dienstleistungssektor), aber auch die anti-inflationäre Roßkur der Federal Reserve Bank (s. Wirtschaft Seite 28) haben die nationale Stahl-, Textil-, die Gummi-, Bau- und Schwergüterindustrie in die Knie gezwungen. Ächzend sanken jüngst vier gewaltige Hochöfen in der schier mythischen Hüttenstadt Youngstown zu Boden – ein repräsentatives Ende, zum Schrottwert gesprengt, da Amerikas Stahlkocher allenthalben ihhend?) schließen müssen. Nach zwei Jahren angewandter Reaganomics stieg die Arbeitslosigkeit in den metallproduzierenden und -verarbeitenden Fabriken von 9,3 auf 24,6 Prozent. 22 000 Konkurse im Jahre 1982 signalisieren die Rückkehr des Industrie-Darwinismus; in Amerika stimmen die drakonischen Bewegungsgesetze des Kapitalismus wie eh und je.