Von Josette Cagli

Ein Knäuel von gelben Taxis, hupenden Limousinen und wieselnden Fiats 500 versperrt den Eingang zum "Centro Sfilate", dem Modezentrum. Photomodelle und mit Kamera-Ausrüstung schwerbepackte Photographen drängen sich keifend und fluchend am Nebeneingang. In der Informationshalle reagieren Hostessen im roten Dreß von Minute zu Minute hysterischer auf hektische Anweisungen und Anfragen in Sprachen aller Länder. So ist es, alle Jahre wieder, wenn MODIT, die Mailänder Modemesse, beginnt.

Der Durchschnittsbürger hat hier keinen Zutritt. Wer die Modeschauen der Herren Valentino, Versace, Armani, Lagerfeld, der Damen Krizia, Biagiotti und Fendi sehen will, muß sich von der Masse abheben. Einladungen der Modeschöpfer gehen nur an gute Kunden. Ein Presseausweis kann hilfreich sein, aber auch damit geht es nicht ohne Palaver. Es gibt eine schwarze Liste, um den vielen als Journalisten getarnten Industriespionen auf die Schliche zu kommen, und die Zahl der zugelassenen Berichterstatter wird bewußt klein gehalten.

Ganz hartnäckige Interessenten finden trotzdem immer wieder Wege über alle Barrieren hinweg: mit Geschrei und Geschimpfe, empörtem Getue, mit ein bißchen Bestechung oder gar mit Gewalt. Vor dem trennenden Gitter gibt sich niemand fein und wohlerzogen: die Hüte sitzen schief, der Schweiß läuft unter den Seidenblusen, das Makeup schmilzt, und die Strümpfe sind im Kampf zerrissen. Sobald das Gitter passiert ist, hört das Krächzen und Pöbeln freilich sofort auf. Wer "drin" ist, darf sich einbilden, eine wichtige Person zu sein.

Als Besucher einer Modenschau zieht man nicht irgend etwas an. Das Outfit ist eine Art Visitenkarte. Es soll möglichst originell sein und Aufsehen erregen. Unangefochtene Meisterin in der Kunst des Outfits ist Anna Piaggi, Vogue-Chefin und Lagerfeld-Freundin. Zu ausgelatschten Sandaletten, echt 50er, trägt sie dicke, graue Woll-Überstrümpfe, dazu eine Art mexikanischen Poncho in grellem Orange. Das schwarze Haar toupiert sie stark und türmt es irgendwie. Wichtig ist, daß ein kleiner Zopf herausguckt (das Markenzeichen von Lagerfeld) und daß ihr neckisches Armeekäppi drauf sitzenbleibt. Als Accessoire führt sie einen dicken, unansehnlichen Begleiter in zu großen Schuhen und zu großen Hosen mit sich herum. Auf dem Messegelände wird er allgemein "der Straßenfeger" genannt. Letztes Mal hatte er graues, lichtes Haar. Heute ist es orange und etwas voller.

Aus unerfindlichen Gründen darf das Publikum erst in letzter Minute in den Saal. Zu den Spielregeln gehört vor jeder Modenschau ein atemberaubendes Gequetsche und Gestoße. Kurz vor den ersten Herz-Attacken und Anfällen von Platzangst werden die Besucher, einer nach dem anderen, durch das Nadelöhr gelassen.

Zuerst dürfen die Photographen passieren, die dem Rest der Wartenden, so im Vorbeigehen, die schweren Photokoffer vor die Schienbeine knallen. Im Saal wird dann um jeden Sitzplatz gekämpft. Gewöhnlich ist jeder Stuhl mit einem kleinen Präsent garniert: Handtäschchen, T-Shirt, Parfüm. Aber wer einen Platz in der ersten Reihe zugewiesen bekommt, hat Pech gehabt. Erstens sieht er nichts, weil eine Mauer aus stehenden Photographen die Sicht auf den Laufsteg versperrt. Zweitens kann er sein Präsentchen abschreiben, denn dieselben Photographen haben schon alles Greifbare in ihre Alukoffer gestopft.