Hervorragend

Bruce Springsteen: "Nebraska". Die "Vater" dieser sechsten Platte des New Jerseys-Rockers sind Leute wie Leadbelly und Woody Guthrie, Eddie Cochran, Buddy Holly und jeder, der jemals einen ganz großen Folk- oder Rockabilly-Songs komponierte. Bruce Springsteen setzt, fern aller nostalgischen Rührung, für diese achtziger Jahre fort, was die in den vierziger und fünfziger Jahren an volkstümlichen Anti-Establishment-Liedern schrieben. Er singt über Gewerkschaftskorruption und triste Kindheitserfahrungen, über Bettler, Polizisten und Arbeiter, über die letzten Minuten eines Amokläufers in der Todeszelle und auch wieder über sein Lieblingsthema, nämlich die Sehnsucht, mit seinem Mädchen in einem schnellen Wagen der verrottenden und langsam schrottreifen Zivilisation zu entfliehen. Es ist, möglicherweise unfreiwillig, als Album auch ein Statement gegen die "Reaganomics". Bei einer Rockabilly-Nummer wie "Open All Night" wünschte man sich, daß spätestens nach der ersten Strophe Dave Edmunds mit der alten Rockpile-Besetzung einsetzen würde (die Aufnahmen sind praktisch komplett solo eingespielt); aber auch so ist dies neben "Darkness On The Edge Of Town" Springsteens bestes, in der Interpretation und besonders von den Songtexten her überzeugendstes Album geworden. (CBS 25 100)

Franz Schöler

Hörenswert

Tommy Tedesco: "When do we Start". Es ist die überraschende Begegnung mit einem bei uns kaum, vermutlich gar nicht bekannten Musiker, mit dem Gitarristen Tommy Tedesco. Schade, daß sich die Plattentasche über ihn ausschweigt (und die Firma sich nur den Kritikern mit Extrapost mitteilt), denn aufmerksame Hörer macht schon die Gelassenheit dieses überaus virtuosen, in wer weiß was für Studios trainierten Spiels neugierig. Aber es sind ja auch das auffallend sensible Arrangement mit seinen federleichten klagenden Glissando-Floskeln, die gezielt angebrachten Pizzicati, nicht zuletzt ist es die Kraft, die den disziplinierten Ausschweifungen der Improvisationen eigen ist. Es sind der singende, spannungsreiche Ton der akustischen und der schwingende, sanfte runde Ton der elektrischen Gitarre. Es gibt auf dieser Schallplatte gedankenreiche Partien, andere von versonnener Fröhlichkeit, auch welche, in denen man eine Art von sportlichem Vergnügen an der Präzision schnellen figurenreichen Spiels bemerkt. Der Amerikaner Tedesco, der sich in der letzten Nummer dieser Schallplatte singend vorstellt als einer, der "Nummer eins zu sein" pflege, der sich schon in den sechziger Jahren als ein König gefühlt habe und von der Firma hier als ein "Spätberufener in Sachen Jazz" bezeichnet wird, hat bei seinem deutschen Debut drei gute Musiker um sich, darunter den jungen Gitarristen Jon Kurnick, mit dem er offenbar gern im Wettstreit liegt; Bassist (Paul Capritto) und Schlagzeuger (Frank Severino) sind Partner, die man sich wünscht: Sie halten, sich zurück, sie sind immer gegenwärtig.