Von Wolfgang Gehrmann

Sogar der Chemieboß setzte plötzlich auf die Sozis. "Wir können bloß hoffen", so flehte Hoechst-Chef Rolf Sammet drei Tage nach der Landtagswahl in Hessen, "daß es bei einer klaren Absage der SPD an eine Zusammenarbeit mit den Grünen bleibt." Die Wahlgewinner – die Grünen waren mit triumphalen acht Prozent der Stimmen zum nächstgelegenen Gehilfen der von der FDP verlassenen SPD-Minderheitsregierung geworden – hatten sich die Aversion des Industriellen mit einer Wahlkampagne zugezogen, die nicht nur Flughafenstartbahnen und Atomkraftwerke attackiert, sondern auch Hoechst als den "größten Wasservergifter dieser Republik" angeprangert hatte.

Verständlich, daß Konzernherr Sammet von solchen Leuten nicht mitregiert sein wollte. Einsehbar sein Wunsch an den Wiesbadener SPD-Chef Holger Börner, ja nicht mit den Grünen anzubandeln. Doch ob Sammets Hoffnung trägt oder trügt, ist längst nicht ausgemacht.

Noch in der hessischen Wahlnacht nämlich begann Spitzengenosse Willy Brandt mit den erfolgreichen Alternativpolitikern zu poussieren. Die neue Mehrheit, so der Bundesvorsitzende der Sozialdemokraten im Fernsehen, liege ja nun sichtbar nicht bei der Union und Genschers Wende-FDP. Eher links davon.

Recht mag er haben – für Hessen und auch für den Bund –, wenn er schlicht Stimmprozente und Mandate aufaddiert. Doch Mengenlehre reicht da nicht. Für eine neue Mehrheit müßten SPD und Grüne erst politisch Gleiches wollen – vor allem in der Wirtschaftspolitik, die die schwierigsten Probleme der Republik zu lösen hat. Und ebendort gibt es bislang wenig, was Brandts Vision von der frisch ergrünenden Linken realistisch macht.

Zwar stützen sich etliche sozialdemokratische Bürgermeister in Dörfern und Städten schon auf grüne und alternative Mehrheitsbeschaffer. Doch in Hamburg, dem ersten Bundesland, in dem die neue Mehrheit sich hätte installieren können, sind die Regierungsverhandlungen zwischen SPD und Grün-Alternativer Liste (GAL) gründlich gescheitert – an Differenzen in der Wirtschaftspolitik.

Nach, fünfzig Verhandlungsstunden befand Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, daß die GAL wenig mehr geboten habe, als eine lange Liste teils widersprüchlicher Wünsche vorzulegen, die niemand bezahlen könne: "In Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik habe ich von denen nichts Überzeugendes gehört."