ARD, Sonntag, 17. Oktober: "Europa unterm Hakenkreuz", Städte und Stationen, 13teilige Reihe; 1. Teil: "Berlin 1936", ein Film von Roman Brodmann

Deutschland im Jahr 1936, ein Reich, in dem sich hinter olympischem Glanz Elend und Folter verbarg – Roman Brodmann zeigte in der Introduktion einer dreizehnteiligen Serie über das nationalsozialistische Regime (in Berlin beginnend und endend; Wien, Dresden und Auschwitz dazwischen) das Janus-Gesicht faschistischer Herrschaft: Feuerzauber und Konzentrationslager, Flaggenweihe und Bücherverbrennung, hehre Sprüche und bestialische Praktiken.

Berlin 1936: Olympische Spiele nach dem Herzen der auf Ufa-Inszenierungen von Massenspektakeln eingeschworenen Machthaber, die im – jungen! – Coubertin ihren idealen Spielpartner fanden. Männliche Erziehung! Überwindung der Dekadenz! Voranschreiten auf dem "Weg der Muskelkultur"! Originalton Coubertin. Originalton eines Ideologen, der nicht zufällig den moderner Fünfkampf als "Sakrament des vollendeten Sportlers" beschwor.

Kampf, Wehrhaftigkeit und Religion in trauter Dreieinigkeit: Ich denke, es war nützlich, daß Brodmann endlich einmal die "Stilgerechtigkeit" der Berliner Olympischen Spiele, gemessen an den gemeinsamen Idealen festlich gestimmter Wehr-Sportler, darstellte. Bedauerlich nur, daß es der Filmemacher unterließ, den Dritten im Bunde ins Bild zu rücken, der zwischen Coubertins Erben hier, Brundage voran, und den muskelprotzenden Festvoran, dort, die rechte Ubereinstimmung herstellte, Carl Diem mit seinem Hohelied auf die "Heranbildung von Führermenschen", seiner Kampfansage an den Intellektualismus und seinem unermüdlichen Zitieren von "naturhaftem Verbundensein mit dem Volksganzen".

Diems von martialischem Pathos und pseudoreligiöser Kitschrede bestimmte Verlautbarungen (Olympische Spiele als ein Stück "Auferstehensfest") hätten, wären sie zitiert worden, einerseits gezeigt, wie klug gehandelt es war, von den Nationalsozialisten, keinen alten Parteigenossen, sondern einen von Weihe und Kampf orakelnden Konservativen zum Organisator der Olympischen Spiele zu bestellen, und sie hätten andererseits die bis in unsere Tage reichende Erbschaft des Dritten Reichs, den Sport betreffend, sichtbar gemacht: Hoch die Führereigenschaften des aller Gleichmacherei abholden Sportlers! (Nachzulesen bei Diem, wiederholt von seinen Enkeln).

Ansonsten: ein großes Kompliment an Roman Brodmann. Das Gegeneinander von Kniebeugen im Konzentrationslager und nationalem Rausch im Stadion, die Antithetik von Weihespiel und plumper Niedertracht, von Eichenkranz und blutigern Knüppel war ein Meisterstück didaktischer Präsentation. Kein Satz in diesem Film, der nicht sofort seinen Gegensatz fand; kein farbenprächtiges Bild, das nicht unverzüglich das Fratzenhafte mitbeförderte; keine Momenteinstellung ohne Beschreibung des Davor und Danach: Wenn der Lichtdom auftauchte, Abschluß der Olympischen Spiele 1936, fiel das Wort "Flakkompanie", doch die Sirenen Wort ten, und schon kamen die Trümmer ins Bild; wenn der Führer klatschte, war von den Gewinnen der Rüstungsindustrie die Rede, und wenn die Sportler marschierten, marschierten auch die Soldaten – und zwar in den Tod.

Sachliche Kameraführung und pointenreiche, sarkastische Kommentierung ("Die Freiheit des Besitzes wurde erhalten, die Freiheit des Denkens ging verloren") ergänzten einander; wenige Namen, Brandt, Niemöller, Wels, verwiesen, inmitten des heroisch-sentimentalen Schauspiels, auf das andere Deutschland.

Das Deutschland im Untergrund – repräsentiert nicht durch erzkonservative Barden des Sports, für die Olympia in Walhall lag, sondern Männer wie Martin Niemöller, vor denen schon der Weg ins KZ lag, als in Berlin der "patriotische und religiöse Apparat" (ein Ausdruck Coubertins!) zum Zweck einer gigantischen Verschleierungsaktion mobilisiert