Von Ralf Dahrendorf

Der junge Mann kam aus mehr als gutem Hause. Noch als älterer Herr sprach er von seiner standesherrlichen Herkunft, davon, daß er "in der Atmosphäre eines streng lutherischprotestantischen Adelsgeschlechts West-Mitteldeutschlands" aufgewachsen sei. (Damals wurde Deutschland bekanntlich noch in Norden – Mitte – Süden, nicht in Westen – Mitte – Osten unterteilt, so daß das hessische Assenheim eben in Mitteldeutschland lag.) Nicht alle Erinnerungen des Standesherrn blieben indes ähnlich genau. Er wuchs teils in der näheren, teils in der ferneren Umgebung des väterlichen Schlosses auf. Als er 1913 das Studium der Rechtswissenschaften aufnahm, blieb er standesgemäß: Vom Studium war nicht viel die Rede, dafür desto mehr von Korps, Komment und Kommen. "Ich bin nicht mehr ich, sondern ein Teil des Korpsgedankens."

Indes blieb derlei Selbstaufgabe von kurzer Dauer. Der junge Mann hatte bald das Biertrinken satt. Er zog nach München, wo er sich unter amüsanteren Standesgenossen wohler fühlte. Als Wilhelm von Albanien im Mai 1914 mit seiner Familie sein Land verläßt, ist er allerdings bestürzt: "Das Hohnlachen der Erde begleitet ihn, den Vertreter eines der Erlauchtesten unserer Häuser. Auf uns alle wirft das einen neuen Schein des Mißkredits, der Lächerlichkeit." Doch stehen schwere Prüfungen bevor. Sarajewo wird noch als Standestragödie erlebt: "Das große Unglück im Habsburger Haus, welches einst so glücklich war, brachte mich und andere fast zu Tränen." Der Kriegsbeginn selbst greift denn ins persönliche Leben.

Der Einundzwanzigjährige fährt nach Potsdam und meldet sich zum Dienst. Am zweiten Tag ernennt "S. M." den Ungedienten zum Leutnant. Der frischgebackene Offizier durchlebt alle Nuancen des Hurra-Patriotismus der Zeit. "Rührend ist das deutsche Volk, es hält als einziges die Kultur hoch." "Die Worte des Kaisers hie und da sind großartig." Und auch: "Der Ernst der Zeit überwältigt mich noch, ich wußte ja nie, was Ernst heißt." Und noch einmal: "Ich bin jetzt vereidigt und werfe somit als Glied eines Ganzen alle außerhalb liegenden Pläne und Träume von mir."

Den großen Worten folgt zunächst eine Zeit des Wartens, der Ausbildung, eine Zeit auch, in der der Krieg "nett" ist, weil man ständig mit kultivierten Standesgenossen umgeht. Dann geht es an die belgisch-französische Grenze, wo zunächst noch vom "Krieg als Naturereignis" die Rede ist und von den fabelhaften Völkern Europas, die sich halt gelegentlich schlagen müssen. "Das genialste Volk Europas, Frankreich, liebe ich am meisten, wie stets. Deutschland ist der Sportsmann der Moral. Viele Grüße, es ist hier interessant, Max."

Vier Tage später ist der ganze Spuk verflogen. An der ersten bitteren Schlacht zerbricht der junge Graf und Leutnant. "Ich liebte den Krieg, wenn ich den großen Geist der Zeit betrachtete, aber dies eine, was nur mein Zug erlebte, war zu schwer." Und weiter: "Der Krieg ist zu furchtbar, um gut sein zu können." Ja sogar: "Der Krieg ist nicht für überzüchtete und ausgepumpte Geschlechter, er ist das Eigentum des Menschen in der Vollkraft seiner Existenz."

Der Krieg des jungen Leutnants bleibt denn auch, trotz des stolz getragenen Eisernen Kreuzes, eine seltsame Mischung: "nette" Zeiten in der Etappe, in Rußland, beim Jagen, mit einem Dutzend Seidenhemden und anderen Komforts; wieder an der Front, verwundet im Elsaß; auf langem Krankheitsurlaub; in Verwaltungspositionen – und zuletzt, ganz kurz vor Ende des Krieges, als Militärattache an der Gesandtschaft im Haag. So sieht er den Kaiser bei seiner Emigration nach Holland. Mit der Kaiserin versteht er sich gut; der Kaiser klopft ihm freundlich auf die Schulter; doch heißt es alsbald von ihm, er sei eine "Warnung vor Cäsarenwahn, moralischer Feigheit und Dilettantismus". Der jetzt 26jährige verläßt den diplomatischen Dienst und nimmt, zunächst in Marburg, dann, in München, das Studium der Geschichte und Ökonomie auf.