Seit Jahren hat meine Manteltasche einen Haupt- und einen Nebeneingang. Der Nebeneingang ist ein langer Riß. Was ich hineinsteckte, fand ich bisher immer unten im Futter wieder. Die beiden kleinen Fahrkarten, die ich in Bad Mergentheim für die Reise nach Hamburg gekauft hatte, aber fielen noch tiefer und blieben verschwunden. Irgendwann, und von mir unbemerkt, hatte sich auch im Unter-Futter ein Riß aufgetan. Die Entdeckung machte ich erst im Zug, mit Hilfe des Schaffners. Der redete mir gut zu, noch weiter zu suchen, sein Kollege, der Zugführer, werde später noch mal vorbeischauen.

Der Kollege kam, bat mich in ein leeres Abteil, aber nicht zur Kasse. Mit fränkischer Bedächtigkeit beharrte er darauf, daß ich die Karten ja vielleicht doch am Schalter in Mergentheim liegengelassen haben könnte, er wolle dort gerne von Würzburg aus anrufen, während ich umsteigen würde. Da fiel mir ein, daß ich mit einem Scheck gezahlt hatte – und seine Augen leuchteten auf. Er ließ sich meinen Namen und die Nummer der Scheckkarte geben – den Scheck müßten die Kollegen in Mergentheim ja in der Kasse haben, also lohne der Anruf von Würzburg aus in jedem Fall. In Würzburg blieb ich mit meinen Koffern im Abteil hängen, weil sich die Schlange auf dem

Gang nicht auflöste. Doch von draußen signalisierte mein Zugführer Nr. 1 schon vorwärtsweisend, daß er zum Aufsichtsbeamten vorauseilen werde. Als ich ihn wiederfand, hatte er Bad Mergentheim gerade an der Strippe, ließ sich ein paar Mal querverbinden, gab meinen Fall und meine Daten pedantisch und lautstark durch – und erhielt schließlich die Bestätigung. "Den Scheck haben die in Bad Mergentheim – wie machen wir das jetzt am besten?" wandte er sich an den Aufsichtsbeamten. "Frag sie noch, wie der Kollege am Schalter heißt!" Der Zugführer fragte und wiederholte den Namen so laut und gewissenhaft, als ob er mit Peking telephonieren würde: "Anton-Norapol-

Anton-Cäsar-Konrad-Emil-Richard". Der Aufsichtsbeamte notierte mit und schrieb dann mit sorgfältigen Druckbuchstaben auf ein halbes Blatt aus einem Rechenheft:

"An Zf IC 684 bzw. IC 690 ab Hannover. Herr Christian Schmidt-Häuer hat in Bad Mergentheim eine Ein-Fahrkarte mit IC-Zu. 2. Kl. v. Bad Mergentheim nach Hamburg gelöst. Preis 107 DM. Herr Schmidt-Häuer hat die Fahrkarte vermutlich verloren oder am Schalter liegengelassen. Die Fahrkarten wurden in Bad Mergentheim mit Scheck Nr. 48791/02003 von der Dresdner Bank bezahlt. Bestätigung des Schalterbeamten der FKa Bad Mergentheim 966/8362/8664/30 Herr Anacker liegt vor". Darunter der Stempel: "Bf Würzburg Hbf. Aufsichtsbeamter" nebst Unterschrift.

Der Zugführer nahm meine neue Fahrkarte: "Ich Übergeb’ sie dann an den Kollegen, wenn der Zug in Hannover einläuft." Die Übergabe klappte ohne Komplikationen. Mein Zugführer Nr. 2 sagte auf dem Bahnsteig: "Alles klar, wenn ich in Bebra abgelöst werde, sage ich meinem Kollegen Bescheid". Kurz vor Bebra kam er an meinem Abteil vorbei: "Sie waren das doch mit der verlorenen Fahrkarte – ich geb’s dann an den neuen Zugführer weiter." Der Zugführer Nr. 3 bei der Kontrolle: "Ach, Sie waren das – ist schon in Ordnung". Inzwischen verwöhnt, frage ich: "In Hannover hält mein Zug nach Hamburg auf dem Nachbargleis, könnten Sie eben schnell Ihrem Kollegen..." Er nickte zustimmend. Doch in Hannover verlor ich meinen dritten Zugführer aus den Augen und suchte ihn beim Aufsichtsbeamten. "Was wollen Sie denn?" fragte der. Ich erläuterte ihm meinen Fall und das von seinen Kollegen in Würzburg in Gang gesetzte Übergabeverfahren.

Und da plötzlich riß die Kette: Meine Vorurteile über Hannover (die Beamtenstadt), über Deutschlands Süd-Nord-Gefälle bei kleinen Gefälligkeiten wurden aufs schönste bestätigt. "Sind denn die Fahrkarten in Bad Mergentheim auch gefunden worden?" fragte der Beamte in breitem Hannoveranisch. "Sonst geht das gar nicht, die Karten könnte schließlich ein anderer benutzen!"