Von Gabriele Vensky

Es klingt wie ein Witz, aber es ist leider bitterer Ernst. "Wenn Sie eine Wohnung suchen", raten Bekannte in Kalkutta, "dann ziehen Sie in die Nähe eines Krankenhauses. Nur dann können Sie sicher sein, daß Sie wenigstens hin und wieder mal ein bißchen Strom haben."

Auf der anderen Seite des Subkontinents, in Bombay, versammelt sich eine Hochzeitsgesellschaft. Eine betuchte Familie verheiratet ihre Tochter. 1500 Gäste sind geladen. Die Damen erscheinen im Nylon-Sari, die der letzte Schrei sind, oder in schweren, goldgestickten Gewändern. Die Herren tragen dicke Bäuche als Statussymbol zur Schau. Eine festliche Halle wurde extra angemietet, über und über bestückt mit Tausenden von bunten Glühbirnen; so will es der Brauch. Zufrieden strahlt der Brautvater, der das alles bezahlen muß. "Ist es nicht schön?" sagt er. Doch seine Frage geht unter in ohrenbetäubendem Lärm. Direkt vor Freitreppe und Eingang nämlich steht ein riesiger Generator und rattert und kreischt und zischt. "Ohne den hätten wir hier Schummerbeleuchtung", sagt der Brautvater. "Und außerdem könnte ich mir in meiner Position keine Panik leisten, wenn wieder einmal der Strom ausfällt."

Power an – Stromausfall, ist ein Wort, das zusammen mit dem not available – nicht erhältlich, das gesamte indische Leben durchzieht. Dazu gehört der tägliche Blick auf die regelmäßige Meldung in der Zeitung, wann und wo ein power cut zu erwarten ist. Da schreiben die doch tatsächlich immer wieder, daß in dieser oder jener Gegend die Stromversorgung heute beeinträchtigt sein könnte. Doch jeder weiß, daß ganz sicher das gesamte Stromnetz zusammenbrechen wird.

Dabei haben es die Leute in der Stadt noch relativ gut. Die Stromsperren dauern in der Regel nur einige Stunden und dann funzeln die Lampen wieder trübe vor sich hin. Besser wird das auch nicht durch die unförmigen Apparate, die die Spannung regulieren sollen und die zur Standardausrüstung eines jeden Kühlschrankbesitzers gehören.

Schlimmer dran sind die Dorfbewohner – und das sind siebzig Prozent der Inder. Wenn da jeder abends um sechs sein Licht anknipst, dann dauert es im allgemeinen keine zehn Minuten, und das Land versinkt in tiefe Finsternis. Manchmal schwingt sich der Ingenieur noch abends auf sein. Fahrrad, um die Schadstelle zu suchen. Meistens tut er es aber erst am nächsten Tag. Da hilft auch kein noch so beschwörender Blick hinauf zur Zimmerdecke und zum bewegungslosen Ventilator.

"Stromausfälle können verheerend sein", verkündet eine Zeitungsanzeige in großen roten Lettern. Darunter, in einer ausgestorbenen Werkshalle drei munter miteinander plaudernde Herren. "Kaffeepause?" fragt die Anzeige und antwortet sogleich: "Nein, Stromunterbrechung", um dann fortzufahren: Allein in der Industriestadt Faridabad entstehen täglich durch Stromausfall Verluste in Höhe von fünfzehn Millionen Rupien, vier Millionen Mark. Dagegen gäbe es nur ein Mittel, lockt die Anzeige. "Machen Sie sich vom Stromlieferanten unabhängig. Installieren Sie für den Notfall einen eigenen Generator." Dann folgt der Name einer großen Firma, die mit diesen Maschinen glänzende Geschäfte macht.