Von Dietrich Strothmann

Wetten werden schon lange nicht mehr angenommen: Wann gibt es nur noch Libanesen im Libanon? Das heißt: Ab wann werden sich Syrer und Israelis hinter ihre eigenen Grenzen zurückziehen; ab wann werden die letzten Fatah-Freischärler das Land endgültig verlassen; ab wann müssen sich die meisten der palästinensischen Flüchtlinge "aus dem Staube" machen? Immerhin krallen sich noch 30 000 Syrer und 70 000 Israelis im libanesischen Boden fest, halten an die 7000 Arafat-Anhänger im Norden und Osten ihre Stellungen, halten 500 000 Palästinenser in ihren zum Großteil zerstörten Lagern aus.

Nicht Monate, wie der rührige US-Vermittler Philip Habib veranschlagte, wird es dauern, bis alle "fremden Truppen" verschwunden sein werden. Das kann ein ganzes Jahr in Anspruch nehmen. Was aber geschieht während dieser Phase der Unsicherheit und Instabilität im Libanon? Ein neuer Krieg zwischen Syrern und Israelis? Oder ein neuer Bürgerkrieg zwischen den Libanesen?

Nichts ist von der Ungewißheit ausgenommen, nicht einmal die Sorge, ob der neue libanesische Präsident, Amin Gemayel, nicht doch noch das Schicksal seines jüngeren Bruders Beschir erleidet, der nur drei Wochen nach seiner Wahl zum Staatschef Opfer eines Anschlags wurde. Wer von den Libanesen, klug geworden und skeptisch vorallem nach den bitteren Erfahrungen eines siebenjährigen Bürgerkrieges, einer langen syrischen Besatzung und israelischen Invasion, wagt schon die kühnen Träume des 40jährigen Amin zu träumen: "Es ist keine Zeit für Tränen... Der Libanon wird als siegreicher Phönix aus seiner eigenen Asche steigen ... Wir haben genug – genug vom Blutvergießen, genug von der Zerstörung, genug von der Verwüstung und der Verzweiflung." Während er auf dem Flug zu den Vereinten Nationen und zu Präsident Ronald Reagan war, brachten sich im Schuf-Gebirge südöstlich Beiruts schon wieder Christen und Drusen gegenseitig um, postulierte der israelische Ministerpräsident Menachem Begin seinen unverzichtbaren Anspruch auf einen libanesisch-israelischen Sicherheitspakt, verkündete der PLO-Chef Jassir Arafat, daß sein heiliger Kampf weitergehe, lehnte der syrische Präsident Hafez Assad einen Abzug zusammen mit den israelischen Truppen strikt ab.

Der Libanon, den angeblich erst die Syrer, dann die Israelis zu ihren Gunsten teilen wollten – noch halten die einen den Osten, die anderen den Süden in Händen –, wäre ja nicht einmal der ehemals freie, lukrative Libanon, bliebe er allein den Libanesen überlassen. Wo sich durch die jüngste Geschichte des Landes eine breite Blutbahn zieht, mit kaum zu zählenden Toten, wo politische Zerrissenheit, ethnische Zersplitterung und religiöse Zerstrittenheit eine zerklüftete Landschaft hinterlassen haben, wo Rachegelüste und Sühneschwüre zwischen Familien, Dörfern, Stadtteilen und Regionen diese "Schweiz des Orients" (U Thant) in eine chaotische Wüstenei verwandelt haben, wo jeder seine Waffe trägt und jeder jedem mißtraut – wer kann, selbst wenn er wollte wie Amin Gemayel, unter den Libanesen Frieden stiften, Versöhnung durchsetzen, Wohlfahrt einführen?

Dabei sind dem schmucken Anwalt und tüchtigen Geschäftsmann immer noch größere Chancen einzuräumen, das libanesische Haus einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen, als seinem jüngeren, ermordeten Bruder. Amin, der sich stets nur politisch betätigte, als Abgeordneter im Parlament und als Führer der christlich-maronitischen Kataib-Partei, ist ohne Blutschuld. Anders Beschir, der die gefürchteten Phalangemilizen befehligte, Nebenbuhler liquidieren und Mord mit Mord vergelten ließ. Auch das mag Amin helfen: Ihm haftet nicht wie Beschir der Ruch eines israelischen Quislings an. Er pflegte Kontakte gleichermaßen zu Syrern, libanesischen Moslems und palästinensischen Untergrundkommandeuren.

Der Parteimann war nie ein willfähriger Parteigänger. Darum wurde er auch ohne Gegenstimme gewählt, mit Hilfe sogar der Moslem-Deputierten. Darum kann er auch vor der UN-Vollversammlung in New York, ohne das Gesicht zu verlieren, die Vereinigten Staaten als "Mutter der freien Welt" hochpreisen; darum trauen ihm viele Libanesen, ohne Hintergedanken, wenn er vor dem Grabmahl des Unbekannten Soldaten im klassischen Arabisch die "Wiedervereinigung der Herzen des Volkes" beschwört. Amin Gemayel ist nicht, aus bloßem Kalkül, je nachdem der Feind seines Freundes, oder der Freund seines Feindes; er macht sich, zum eigenen Vorteil, nicht mit jedem gemein, er sieht nicht in jedem Andersdenkenden, Andersgläubigen den Gegner, der aus dem Wege geräumt werden muß, und sei es mit Gewalt. Amin Gemayel, wird ihm nur Gelegenheit und Zeit geboten, könnte gelingen, was er sich vorgenommen hat.