Von Volker Mauersberger

Toledo, im Oktober

Wo sie sich treffen, spielen sie sein Lieblingslied: den Jägerchor aus der Oper "Der Freischütz" – als sei ihr Herold mit dem Helden der Weberschen Volksoper identisch, der sich der Sage nach mit Hilfe des Teufels Freikugeln verschaffte, von denen sechs unfehlbar trafen – und die siebte dem Teufel selbst gehörte. Antonio Tejero Molina, schnauzbärtiger Oberstleutnant der spanischen Guardia Civil, der am 23. Februar 1981 mit gezogener Pistole die Cortes gestürmt hatte und dafür zu dreißig Jahren Haft verurteilt worden war, sorgt wieder für Aufsehen. An diesem Samstagnachmittag, in einem kahlen Versammlungsraum in der Nähe von Toledo, ruft er seinen Freunden aus dem Lautsprecher zu; "Wenn Gott will, werde ich am Tag nach den Wahlen wieder unter euch sein." Sein Bild hängt an der Stirnwand des Saales, den ein politischer Sympathisant im Bürgermeister-Amt den Freunden Tejeros zur Verfügung stellte.

"Du sei anders – wähle die spanische Solidarität", heißt es auf den Handzetteln, die die Mitglieder dieser neuen rechtsextremen Vereinigung am Saaleingang verteilen. Der Zeitpunkt dieser Wahlveranstaltung, zu der kaum hundert Leute erschienen sind, ist gut gewählt. Soeben ist bekannt geworden, daß das Oberlandesgericht von Madrid zum zweiten Mal bestätigt hat: Der inhaftierte Putschist darf für einen Parlamentssitz kandidieren – für eben jenes Parlament in Madrid, das Tejero mit zweihundert meuternden Zivilgardisten überfallen hatte.

"Ich danke euch allen", sagt sein Rechtsanwalt Lopez Montero auf der Versammlung mit einem Beben in der Stimme, "und verkünde euch hiermit, daß Antonio Tejero Molina als Spitzenkandidat für die Solidaridad Espanola aufgestellt wird." Die Leute im Saal, viele unter ihnen mit dunkler Sonnenbrille und einem kurzgestutzten Bärtchen, wie es Franco trug, springen von den Sitzen, reißen die Arme in die Höhe und rufen: "Viva Tejero". Einige blieben stehen, richten einen fast andächtigen Blick auf das Bildnis an der Saal-Stirnseite und klatschen ihrem neuen Helden zu. "Auch wenn es dem Herrn Innenminister nicht gefällt", ruft Rechtsanwalt Lopez Montero in den Saal, "werden wir den Auftrag erfüllen, der uns von Oberstleutnant Tejero aufgetragen wurde."

Zwei Wochen vor dem Wahltag des 28. Oktober wird Spaniens Demokratie mit dieser Kampfansage zutiefst herausgefordert. Selbst die wahlkämpfenden Politiker wollen die Nachricht kaum glauben, daß der Putschist Tejero aus seiner Gefängniszelle in Cartagena mit Hilfe der von ihm gegründeten Solidaridad Espanola Wahlkampf treiben und möglicherweise – so wird im ersten Schrecken fälschlich verbreitet – neben den Abgeordneten Platz nehmen darf, die er sechzehn Stunden lang gedemütigt hat.

Was Politiker wie Carrillo, Suarez oder Felipe Gonzalez in aufwallender Empörung als "Skandal" oder "Verspottung der Demokratie" bezeichnen, haben sie sich jedoch selber zuzuschreiben: Über drei Jahre lang haben die Abgeordneten es versäumt, ein Wahlgesetz zu verabschieden, in dem die Begriffe "wählbar" und "nicht wählbar" genau definiert werden sollten. Sie waren in einem politischen Dauerstreit über Posten und Pfründe verstrickt. Die regierende Zentrumsunion hatte sogar vergessen, eine "Lex Tejero" zu verabschieden, die eine Kandidatur des Umstürzlers verhindert hätte. Für den Anwalt des Putschisten, der schon während des Prozesses vor dem Madrider Militärgericht mit subtiler Gesetzes-Kenntnis verblüffte, war dies alles ein leichtes Spiel: Gutwillige Richter ließen es zu, daß Anfang September jene Solidaridad Espanola gegründet werden konnte, die sich ausdrücklich auf die Gedankenwelt des inhaftierten Putschisten berief. Für die neue Partei, die von Tejeros Frau und seinem Anwalt gegründet worden war, sammelten Leser der rechtsradikalen Zeitung El Alcazar 18 Millionen Peseten (ca. 400 000 Mark), um die von den Aufrührern damals zerschossene Parlamentsdecke zu bezahlen; der Rest des Geldes wurde an Waisenkinder der Guardia Civil überwiesen.