Der pompöse Graubart glaubt nicht an die Geister des Waldes. Am Ende ist er selber einer, und durchaus glücklich mit seinem Schicksal, das ihn bei einer heftigen Attacke auf die experimentierfreudige Krankenschwester Dulcy ereilte. So wird der Professor, der nie einer Realität jenseits der sichtbaren trauen mochte, in Zukunft als faunisches Irrlicht durch die verzauberte Landschaft geistern, während seine allseits bedrängte Verlobte Ariel nun vielleicht doch dem Liebeswerben des allzu praktischen Arztes Maxwell nachgibt, der sich im Sommer zuvor an der spröden Adrian zu schaffen gemacht hatte, die wiederum eine neue Lust an ihrem kauzigen Gatten Andrew entdeckt: Irrungen und Wirrungen einer magischen Sommernacht.

Schon zu den Vorspanntiteln von Woody Allens erstem Film seit dem kommerziellen Desaster (und künstlerischen Triumph) von „Stardust Memories“ erklingt Mendelssohns „Sommernachtstraum“. Shakespeare ist nie fern bei dieser neuenglischen Landpartie um die Jahrhundertwende, aber zwischen den Barden aus Stratford und den Stadt-Neurotiker aus New York schiebt sich die Erinnerung an einen Film, der sich auch schon von Shakespeares bukolischen Phantasien inspirieren ließ: Ingmar Bergmans „Lächeln einer Sommernacht“, ein erotisches Gesellschafts-Spiel aus dem Jahre 1955.

Aus seiner Bewunderung für Bergman hat Woody Allen nie ein Hehl gemacht, von den frühen Satiren für den New Yorker (eine parodiert liebevoll „Das siebente Siegel“) über die Ein-Akter „Gott“ und „Tod“ bis hin zu „Interiors“ (Innenleben), wo ihm das Kunststück gelang, noch düsterere Fragen nach dem Sinn des Daseins vor sich aufzutürmen als Bergman selbst in seiner schwärzesten Periode. In „A Midsummer Night’s Sex Comedy“ aber geht er weit über die Haltung des Epigonen hinaus, inszeniert endlich wieder auch die Distanz zwischen seinen eigenen Obsessionen und denen seines schwedischen Idols.

Woody Allen selber spielt Andrew, den Gastgeber des ländlichen Wochenendes, einen spleenigen Erfinder, der nicht nur eine Apfelschälmaschine, sondern auch ein fliegendes Fahrrad konstruiert hat, mit dem er sich aus den Niederungen seiner ehelichen Sexprobleme in die milden Lüfte schwingt, um sogleich wieder in einem Tümpel zu landen: ein schmächtiger Schlemihl, aber auch ein Zauberer, ein linkischer Clown, aber auch ein Seher. So unberechenbar wie diese Figur ist oft der ganze Film. Der Reigen der heimlichen Leidenschaften, zu dem sich immer neue Paare finden, wird unterbrochen durch Slapstick-Einlagen und Rüpelspiele: ein sehr amerikanischer Sommernachtstraum.

Am Ende von „Stardust Memories“ schien Woody Allen nicht mehr recht zu wissen, ob er in Zukunft Komödien oder „ernste“ Filme drehen sollte. „A Midsummer Night’s Sex Comedy“ gehört zu seiner „rosa Periode“: vom Kameramann Gordon Willis mit dunklen warmen Farben ausgestattet, von Mendelssohn-Musik üppig umschmeichelt, von einem erlesenen Sechs-Personen-Ensemble im Stil einer romantischen Burleske gespielt. José Ferrer als Professor Leopold übernimmt die Rolle von Gunnar Björnstrand aus dem Bergman-Film, Mia Farrow spielt seine Verlobte Ariel, Mary Steenburgen als Adrian entdeckt ihre schlummernden Triebe.

Kein großer Film, gewiß, aber auch keiner, der nur „hübsch“ und harmlos ist. Im schließlich sich hektisch überschlagenden Wechselspiel der Beziehungen und Gefühle, die so flüchtig scheinen wie das letzte Licht eines Sommerabends, entdeckt man rasch auch die Ängste des ewigen Melancholikers Woody Allen: vor der Macht der Frauen, die listenreich jene Netze knüpfen, in denen sich hier drei schwache Kasper verfangen. Und selbst der Natur ist nicht zu trauen: Wenn Allen, unterstützt von Mendelssohn, ein rauschhaftes Landschaftsgemälde mit grünen Wiesen, murmelnden Bächen und possierlichen Tieren des Waldes montiert, übertreibt er so gnadenlos, daß die Pastorale alsbald kenntlich wird als ironische Distanz des urbanen Flaneurs, der das Landleben nur als Walt Disney-Traum erträgt So bleibt Manhattan nah.

Hans-Christoph Blumenberg