Von W. Martin Lüdke

Ein kurzes Feuerwerk vorweg: "Man möchte nicht glauben, was für Plage es oft macht, den Nagel so zu biegen, daß er auf den Kopf getroffen ist, und wieviel Geist gerade der Kritiker bisweilen aufwenden muß, um zu verhehlen, wie wenig er hat!" Nun liegt es im Wesen des Feuerwerks, kurz aufzuleuchten und im gleichen Augenblick schon wieder zu verlöschen.

"Was vom Stoffe lebt, stirbt vor dem Stoffe. Was in der Sprache lebt, lebt mit der Sprache." Diese Einsicht von Karl Kraus hat der österreichische Kritiker Ulrich Weinzierl zum Kriterium seiner neuen Auswahl gemacht: zwei Bände mit Kritiken, Porträts und Skizzen von Alfred Polgar; allesamt bisher noch nicht in Buchform veröffentlicht. Der Herausgeber, Verfasser einer Polgar-Biographie, hat zu beiden Büchern jeweils einen längeren Essay beigesteuert; kenntnisreich, auch informativ. Aber in seiner geistesgeschichtlichen Ausrichtung kann Weinzierl nicht erklären, warum das gute alte Feuilleton, das er so gerne retten möchte, einmal zugrunde gehen mußte. Sollte eine Rettung möglich sein, dann hängt sie sicher davon ab. Denn auch was in der Sprache und darum mit der Sprache lebt, geht, wie wir unterdessen wissen, vor die Hunde, wenn es einzig aus der Sprache lebt.

Der Blick zurück

"Wenn die Kulturmenschen ehrlich wären – Aber dann wären sie keine Kulturmenschen mehr." Gewiß hat etwas von diesem Widerspruch, den Polgar da so pointiert formuliert, dazu beigetragen, daß die Leser, die lange nichts von ihm wissen wollten, nun langsam zu ihm zurückfinden. Allerdings paßt das auch – sogar auffällig – in den Zug unserer Zeit. Polgar findet offenbar wieder seine Liebhaber. Keine Fans, wohlgemerkt, echte Liebhaber, die samstags schon in aller Herrgottsfrühe über den Flohmarkt streichen, auf der Suche nach einem alten Spiegel, und am Mittag, rechtzeitig zum Essen, mit einem Grammophon nach Hause kommen, zur Not nur mit einem Bügeleisen. Ihre Wohnungen, Altbau, versteht sich, sind bepflastert mit dem Nippes der Jahrhundertwende, voll und gemütlich. irgendwo liegt ein IKEA-Katalog.

Man kann es Nostalgie nennen. Und damit abtun. Man kann auch davon ausgehen, daß selbst in solchen Formen der Regression ein utopisches Moment versteckt ist: die Erinnerung an ein uneingelöstes Versprechen, das diesen Gegenständen ebenso innewohnt wie den kleinen und verspielten, zweckfreien, dafür aber kunstvollen Texten, die sich stets nur mit Abseitigem, Trivialem, Alltäglichem beschäftigt haben.

Oft und gern, vor allem vorschnell hat man Polgar als "Meister der kleinen Form" apostrophiert, denn er konnte leicht und locker und scheinbar auch mühelos schreiben, immer in dem Bemühen: aus hundert Zeilen zehn zu machen.