Von Wilhelm Herzog

Wie weit man blicken kann! Es riecht nach Meer, ein frischer Seewind füllt die Lungen, man atmet tief und schmeckt die Seeluft auf der Zunge.

Ringsum sind Kohlfelder und rauhe Wiesen mit rotbunten Kühen, Gänseherden und Schafen, dazwischen Kiebitze, so viele, wie ich noch nie sah, und Krähen und Stare in Schwärmen, sie sammeln sich schon zum Flug in den Süden. Ein Bauer pflügt, und hinter ihm in den Furchen hacken Möwen nach Würmern und Käfern. Am Straßenrand verkauft eine Bäuerin Weißkohl und Rotkohl, riesige, kräftig duftende Köpfe, für eine Mark das Stück. Hier im weiten, leeren Land ein Verkaufsstand? Wer soll der Bäuerin die Kohlköpfe abkaufen? Sie findet Käufer, denn nur wenige hundert Meter von hier steht "Growian", das Riesending, die Große Windenergieanlage.

Noch ist sie im Bau, aber sie wird schon viel bestaunt von Neugierigen, die weit fahren, um das Ding zu sehen und im Informationskiosk anhand von Schautafeln lernen wollen, wie es funktioniert. Wenn ihr Wissensdurst gestillt ist, gehen sie auf die andere Straßenseite und erstehen billig ein paar Kohlköpfe.

Nun hat "Growian" ihre fremdartige, fast bedrohliche und dennoch schöne Gestalt nach fast fünf Jahren Plan- und Bauzeit gewonnen: ihr Haupt- und Herzstück, das Maschinenbaus mit den beiden Rotorflügeln, die insgesamt hundert Meter lang sind, sind oben angelangt. Das Maschinenhaus allein hat die Maße eines ausgewachsenen Einfamilienhauses.

Der Turm stand schon seit Monaten, hundert Meter hoch und dreieinhalb Meter schlank. Er ist aus elf Abschnitten zusammengesetzt, sie wurden einzeln in Süddeutschland gebaut, Stück für Stück hierher zum Kaiser-Wilhelm-Koog in Dithmarschen verfrachtet und an Ort und Stelle Stück für Stück aufeinandergesetzt und fest verschweißt.