Otto René Castillo, geboren 1936 in Quezaltenango. Nach dem Sturz der demokratischen Regierung Arbenz 1954 erstmals im Exil: in El Salvador. Studium der Rechtswissenschaften. Als Stipendiat drei Jahre lang, von 1959 bis 1962, in Leipzig. 1966 (illegale) Einreise und Anschluß an die Guerilla der „Fuerzas Armadas Revolucionarias“. Im März 1967 im Kampf verwundet, gefangengenommen, gefoltert, verstümmelt. In der Militärbasis von Zacapa bei lebendigem Leib verbrannt.

Ist es korrekt, diese Informationen voranzustellen, Stichworte zu einem Leben, das durch seine Tragik dem Leser keine andere Wahl läßt als ehrfurchtsvoll zu erstarren vor einer Person, die ihr Leben und Werk dem Kampf um soziale Gerechtigkeit gewidmet hat? Denn immerhin lähmt der Verweis auf solch eine Biographie jeden Ansatz einer kritischen Besprechung von Castillos literarischen Arbeiten, weil man sich – zumal im sicheren Europa, weitab von der Bestialität der guatemaltekischen Militärs – schnell ins Unrecht setzt, wenn man bei der Wertung von Gedichten von deren Produktionsbedingungen absieht. An José Marti, den Schriftsteller und Helden der kubanischen Unabhängigkeit, sei hier erinnert, dessen Verdikt von den engagierten Dichtern seiner Zeit auch für dieses Jahrhundert gilt: „Manchmal machten sie schlechte Reime, aber nur Pedanten und Schufte warfen ihnen das vor: denn sie wußten gut zu sterben.“

Gut zu sterben, das wußte eben auch Otto Rene Castillo, von dem eine kleine Auswahl erschienen ist –

Otto René Castillo: „Selbst unter der Bitterkeit“, 10 Gedichte aus Guatemala, aus dem Spanischen von Reinhard Thoma und Peter Paul Zahl; Informationsstelle Guatemala e. V., Friedrichstr. 25, München 40, 1981; 20 S., 6,– DM. (Neuauflage in Vorbereitung).

Sein Landsmann, der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Arturo Anas weist darauf hin, daß Castillos Popularität selbst 15 Jahre nach seinem Tod nicht nachgelassen hat: „Im Volk spricht man von ihm wie von einem Mythos, und viele Leute können seine Gedichte auswendig. Zweifellos ist er der geliebteste Schriftsteller des guatemaltekischen Volkes.“

Jenes Volkes, dessen Abwesenheit Castillo nicht ertrug. Selten ein Gedicht im Exil, das nicht die Rückkehr in die Heimat zum Gegenstand hat: „Hier habe ich alles. / Nichts fehlt mir, / nicht einmal meine Einsamkeit. / Von allen armen Guatemalteken / bin ich jetzt vielleicht / eine Ausnahme. / Und weil ich mein ganzes Leben lang / gegen jede Ausnahme gekämpft habe, / weil ich immer will, / daß Gleichheit die Regel sei, / muß ich gehen, einfach so, / frei von Selbstsucht.“

Castillo mußte mit dem Tod rechnen. Trotzdem kehrte er aus dem sicheren Exil nach Guatemala zurück, „manchmal glaube ich / nur um zu sterben“, wie er selbst in einem Gedicht schrieb. Denn er hatte Angst davor, sich an die Zustände zu gewöhnen, abzustumpfen angesichts der furchtbaren Wirklichkeit seines Landes. Und das wollte er um jeden Preis verhindern: „Aber das Schlimmste von allem / ist die Gewohnheit. / Der Mensch verliert seine Menschlichkeit, / und schon ist der ungeheure fremde Schmerz / für ihn nicht mehr von Bedeutung. // Und er ißt, / und er lacht / und vergißt alles.“