Heinrich Böll/Lew Kopelew/Heinrich Vormweg: "Antikommunimus in Ost und West." Wahrscheinlich ist es leichter, die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden als unter den Emigranten aus Osteuropa jemanden, mit dem man unbefangen über das Thema Antikommunismus sprechen könnte. Andererseits haben kritische Intellektuelle im Westen allzuoft erlebt, wie sie im Namen eines militanten Antikommunismus verleumdet worden sind, als daß sie ihrerseits unbefangen über dieses Thema reden könnten. Die Verständigungsschwierigkeiten zwischen diesen beiden Gruppen sind deshalb besonders groß. Emigranten, zumal aus der Sowjetunion, verbinden sich hierzulande nicht selten mit militanten Antikommunisten und werden so zu Erfüllungsgehilfen derjenigen, die jene ihrer westlichen Kollegen angreifen, auf deren Hilfe sie rechnen konnten, als sie unter kommunistischer Verfolgung zu leiden hatten.

Die Autoren dieses Bändchens haben zwei Gespräche aufgezeichnet, in denen sie versucht haben, den Ursachen dieser Entwicklung nachzuspüren und vielleicht auch stellvertretend für viele andere die Barrieren zu beseitigen. Aber es zeigt sich, daß die Erfahrungen in antagonistischen Gesellschaften so unterschiedlich sind, daß aus ihnen kaum gemeinsame Schlüsse in bezug auf den Oberbegriff gezogen werden können. Kopelew hat nun einmal die Sowjetunion als "die größte Erziehungsanstalt für Antikommunisten" erfahren und insofern kann er diesem Begriff nicht jene negative Dimension abgewinnen wie Böll: und Vormweg.

Aber die Unterschiede haben ihre Wurzeln doch tiefer. Vor allem Vormweg versucht in dem Gespräch jene Hoffnung zu bewahren, die von der marxistischen Theorie als einer Methode kritischen Denkens ausgegangen ist. Kopelew hält dagegen die Summe seiner Lebenserfahrung im Namen einer solchen Theorie, die für ihn auch dann diskreditiert ist, wenn die auf sie sich berufende staatliche Praxis nur noch ein Zerrbild darstellt. Die drei Schriftsteller hätten wohl das sehr komplexe Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ausloten müssen, um an die eigentlichen Wurzeln des Antikommunismus heranzukommen. Nur dann wäre auch Kopelew die Gefahr einer politischen Praxis deutlich geworden, die im Namen des Antikommunismus ganz andere Ziele verfolgt, als mit ihm eine totalitäre Herrschaft zu bekämpfen. Die Solidarität der Intellektuellen in Ost und West allein ist nur sehr selten in der Lage, der Manipulation zu widerstehen, die von beiden Seiten, den Kommunisten und den Antikommunisten betrieben wird.

Die beiden Gespräche, die das Buch verzeichnet, geraten mehrmals an den Punkt der Sprachlosigkeit, des Scheiterns. Gerade an diesen Stellen aber wird das Buch wirklich spannend, weil in solchen Momenten die intellektuelle Redlichkeit der drei Gesprächspartner das Vertrauen garantiert, das den Dialog trägt. Insofern war er auch dann wichtig, wenn über das Thema selbst nur indirekt in der Form von Erlebnisberichten etwas mitgeteilt wird. Das Buch ist ein Beweis dafür, wie sehr die Ost-West-Spaltung auch durch die Kultur geht. Es bedarf äußerster Anstrengung, selbst unter vollkommen freien Bedingungen miteinander zu reden. Dies ist ein Alarmsignal. (Bund-Verlag, Köln 1982, 124 S., 16,80 DM.) Hans-Peter Riese