Sehenswert

"Der Blade Runner" von Ridley Scott ist ein futuristischer Thriller nach dem 1968 erschienenen Roman "Do Androids Dream of Electric Sheep? – Träumen Roboter von elektrischen Schafen?" von Philip K. Dick, einem der bedeutendsten amerikanischen SF-Autoren. Im utopischen Los Angeles des Jahres 2019 – einer bizarren Kombination aus Londons Piccadilly Circus, New Yorks 42nd Street, Tokios Ginza-Viertel und Hongkong – wird ein Trenchcoat tragender und Whiskey trinkender einsamer Ex-Detektiv (Harrison Ford) wieder als "Blade Runner" (einer, der auf des Messers Schneide läuft: ein Kopfgeldjäger) eingesetzt, um vier illegale Immigranten "aus dem Verkehr zu ziehen". Es sind Replikanten: im Labor geschaffene Kunstgeschöpfe mit einer Lebensspanne von vier Jahren, die den Menschen aufs Haar gleichen, aber denen eines fehlt – Gefühle. Sie sind auf der Suche nach ihrem Schöpfer. Die kalkulierte Künstlichkeit, mit der Ridley Scott ("Alien") ein Filmgenre aus den vierziger Jahren (Hollywoods "schwarze Serie") vierzig Jahre in die Zukunft transponiert, das Detektiv-Melodram mit der Weltraum-Oper zu vermählen sucht, schafft eine Alptraumvision von beängstigender Klaustrophobie, bei der die Trickeffekte von Douglas Trumbull ("2001", "Close Encounters") genial futuristisches Design mit archaischem (Kino-)Dekor verbinden; bei der man allerdings auch emotional zunächst etwas unbeteiligt bleibt. Doch wenn der Anführer der Replikanten (Rutger Hauer) seinem Gen-Ingenieur endlich gegenübersteht und verlangt: "Ich will mehr Leben, Vater!" – dann kommt auch mehr Leben in diesen futuristisch verkleideten Wiederbelebungsversuch eines nostalgiebehafteten Genres. Denn der Bösewicht wandelt sich vom Frankenstein-Monster zur quasi mythischen Erscheinung, vom "coolen" Killer zur Christus-Figur. Am frappierenden Schluß dieser schwermütigen Utopie rinnen auf einem verrotteten Wolkenkratzerdach Regen und Tränen über das Gesicht dieses Humanoiden, der in Samurai-Haltung seinem Tod entgegensieht, während der zur (widerwilligen) Tötungsmaschine gewordene "homo sapiens"-Detektiv über sich selbst zu sinnieren beginnt: woher er kommt, wohin er geht und wieviel Zeit ihm bleibt. Im letzten Drittel kommt diese Parabel von der Suche des Menschen nach seiner Identität jenem paradoxen Moment sehr nahe, den der im März 1982 verstorbene Philip K. Dick in seinem Essay "The Android and the Human" (1973) andeutete: "Eines Tages wird ein menschliches Wesen einen Roboter erschießen, der aus einer General-Electrics-Fabrik stammt, und zu seinem Erstaunen sehen, wie er weint und blutet. Und der sterbende Roboter könnte zurückschießen und verblüfft feststellen, wie ein Hauch grauen Rauches aufsteigt aus dieser elektrischen Pumpe, die das menschliche Herz sein soll. Es wäre wohl wirklich ein Augenblick der Wahrheit für beide."

Helmut W. Banz

Beachtlich

"Die Hunde sind los" von Martin Rosen ist der zweite Zeichentrickfilm, den der Regisseur nach einem Roman des auch bei uns bekannten englischen Schriftstellers Richard Adams gedreht hat. Wie schon "Watership Down" (1980), in dem Kaninchen sich in einer ihnen feindlichen Umwelt behaupten, ist auch der neue Film keine süßlich-harmlose oder aggressiv-gewalttätige Trickgeschichte, wie man sie aus den Walt-Disnej- oder Warner-Cartoon-Studios kennt. Der Film macht vielmehr auf ein Phänomen unserer wissenschaftsgläubigen Gesellschaft aufmerksam, gegen das sich seit langern Protest artikuliert: den Einsatz von Tieren als Versuchsobjekte für Forschungszwecke. Aus der Perspektive zweier versuchsgeschädigter Hunde, dem Terrier Snitter und dem Labrador Wuff, die den Testlabors entkommen sind, zeichnet Rosen in detaillierten, naturalistischen Bildern eine mitleidlose Umwelt, in der die Tiere zu Gehetzten werden, die sich nur in die Utopie einer fernen, friedvollen Insel retten können. Dabei gelingt es ihm – durch Zeichnung und Sprache – für die beiden Hunde und den nur schwer durchschaubaren Fuchs, der sie ein Stück ihres Weges begleitet, eigenständige, glaubwürdige Charaktere zu entwerfen.

Anne Frederiksen

Verschenkt