Die Sozialdemokraten haben das bürgerliche Deutschland umgekrempelt

Von Hans-Peter Schwarz

Der menschliche Geist will Ordnung in die Widersprüche bringen. Regierungszeiten wollen auf den Begriff gebracht gebracht werden. So hat sich für die vergangenen 13 Jahre die Bezeichnung "sozial-liberale Ära" eingebürgert. Zu Unrecht. Tatsächlich hat nämlich die Bundesrepublik ihre erste sozialdemokratische Epoche hinter sich.

In diesem Zeitraum war die SPD die große Bewegungspartei, zugleich aber auch die große Problempartei. ihre inneren Widersprüche, ihre Visionen und Bemühungen um Konsolidierung, ihre Führungspersönlichkeiten und Aktivisten, ihre Gemäßigten und ihre Radikalen haben "die Musik gemacht". Die FDP war zwar unentbehrlich – als Mehrheitsbeschaffer und als Bremser, als Kompagnon und als koalitionsinterne Opposition, zuletzt auch noch als Scharfrichter. Aber geprägt worden ist die Epoche von der SPD.

Man kann versuchen, die großen Entwicklungslinien der vergangenen Periode zu skizzieren, indem man fragt, was erstrebt und was erreicht worden ist. Bilanz also. Die folgende Skizze setzt anders an. Sie sucht die 13 Jahre sozial-liberaler Regierung in ihren Widersprüchen zu erfassen und dabei das eine große Thema herauszuarbeiten: die Erosion der bürgerlichen Gesellschaft. Diese hat zwar überlebt. Das Bürgertum ist heute sogar politisch bewußter und organisatorisch stärker als es 1969 gewesen ist. Aber daß sich seit Ende der sechziger Jahre Prozesse einer Destabilisierung vollziehen, die in manchen Bereichen doch schon jene vielberufene "andere Republik" herbeigeführt haben, trifft gleichfalls zu.

Die Vorgänge werden transparent, wenn man sich die Hauptmerkmale des Phänotyps bürgerlicher Gesellschaft verdeutlicht, die unter Führung so exemplarischer Bürger wie Adenauer, Erhard oder Heuss entstanden ist. Bei gehöriger Vereinfachung lassen sich sechs grundlegende Ideen und Strukturzüge ausmachen, die der Bundesrepublik in den beiden Jahrzehnten von 1949 bis 1969 das Gepräge gegeben haben:

Da war – erstens – die grundlegende Erkenntnis, daß die bürgerliche Demokratie unter den Bedingungen der Nachkriegszeit nur in einem festen Rahmen außenpolitischer Westbindung Bestand haben kann.