"Vom Sinn des Lebens", von Ludwig Klages. Seit seinem hundertsten Geburtstag (1972) und seit sprach. Im Juni 1982 hat die Klages-Gesellschaft auf ihrer Marbacher Tagung seinen Rhythmus-Begriff und seine ökologischen Warnungen (von 1913!) neu zur Diskussion gestellt, da erscheint ein lang entbehrter Auswahlband aus seinen Schriften, den einer seiner begabtesten Schüler zusammengestellt und 1943 herausgegeben hatte, in Neuauflage. Hans Kern war mit Klages aufs genaueste vertraut und hat in einer vorzüglichen Auswahl, die auch heute gilt, Kernstellen, vielfach auch die berühmt gewordenen "schönen" Stellen, etwa aus dem "Kosmogonischen Eros" oder dem Aufsatz "Mensch und Erde", vereinigt. Sie ergeben ein Weltbild, dessen kulturkritische Züge zeitgemäßer sind als der Anti-Rationalismus von Klages und seine oft preziöse Formulierung. Hans Kasdorff, heute einer der besten Kenner des Werkes, hat das Buch neu ediert und um Stellen aus der späteren Studie "Die Sprache als Quell der Seelenkunde" sowie um ein behutsames und sachkundiges Vorwort bereichert. (Worte des Wissens, aus dem Gesamtwerk ausgewählt von Hans Kern, erweitert und neu herausgegeben von Hans Kasdorff; Bouvier Verlag, Hermann Grundmann, Bonn, 1982; 124 S., 12,80 DM) Martin Kießig

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"Das Leichtsein verlieren", Gedichte von Uwe-Michael Gutzschhahn. Der Autor, der 1952 im Rheinland geboren wurde, zwei Lyrikbände, eine Novelle und eine Dissertation über Christoph Meckel veröffentlicht hat, schreibt poetische Abbreviaturen, die den Augenblick fixieren oder Erinnerungen beschwören. Hakenschlagend wie der Hase, der einmal ins Bild gerät, will Gutzschhahn einer Welt entkommen, in der "das bürgerliche Gesetzbuch / mit seinen Sonntags regeln" herrscht. Ausgangspunkt ist die eigene Situation: die alltägliche Beunruhigung. Die Welt- und Selbsterfahrung findet außerhalb vorgegebener Form-Muster und erstarrter Strukturen statt: Jeden Tag stehen jetzt / irgendwelche Koffer in Fluren herum / es ist Herbst und der Strand wird leer / nur so ein paar Leute im Mantel / mit ihren Hunden noch unterwegs am Morgen / und sie sehen dich an wenn du barfuß herumläufst". Ein Gespür für seelischen Mangel inmitten von materiellem Überfluß hält, ein Bewußtsein wach, das sich nicht in gesellschafts- oder zivilisationskritischer Attitüde erschöpft, sondern sich zum Ausgleich des Sinndefizits zwingt, nicht zuletzt mit Blick auf die Natur: "Komm eh die Fäulnis / beim Sonntagsspaziergang / über die Schuhe wächst / du kannst nicht den Rest deines Daseins / den Regen schuldig sprechen / für schlechte Fernsehprogramme / und deine Hungerdiät / wir müssen der Hoffnung mehr zurückgeben / als unsre Erinnerung / hier platzen noch immer Kastanien / hier brechen wir auf". (Oberbaum Verlag, Berlin 21, Postfach 127, 1982; 62 S., 12,80 DM) Hans-Jürgen Heise