Bundeskanzler Helmut Kohl hat sich bei der Auflistung der Versäumnisse der sozial-liberalen Regierung einen interessanten Zahlenvergleich entgehen lassen: Von Ende 1969 bis zum 30. September 1982 – dem Tag der Wende – sind die Kohlehalden in der Bundesrepublik von 4,9 auf 30,8 Millionen Tonnen gestiegen. Aber statt Kritik zu üben, versprach der Pfälzer eine Fortsetzung der bisherigen Kohlepolitik. Kohl wörtlich in seiner Regierungserklärung: "Vorrangiger heimischer Energieträger bleibt die deutsche Steinkohle."

Dabei wollte der Essener SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Reuschenbach wissen, daß im unverändert von Otto Graf Lambsdorff geleiteten Bundeswirtschaftsministerium Pläne kursieren, die eine Senkung der Förderkapazität bis 1990 von derzeit 90 auf etwa 60 Millionen Tonnen pro Jahr vorsehen. Das wurde von Lambsdorffs Sprecher Dieter Vogel zwar postwendend dementiert, trug aber deutlich zur Verunsicherung des Bergbaus bei.

Prompt wird wieder einmal über Zechenstillegungen – ein Reizwort in den Bergbaurevieren – gesprochen. In zumindest einem Fall ist das mehr als ein Gerücht: In Castrop-Rauxel soll die Schachtanlage "Erin" – einst als "schwarze Perle an der Ruhr" apostrophiert – dichtgemacht werden. Sie fördert Kokskohle, das Edelste also, was der Bergbau zu bieten hat. Und gerade diese Kohlenart ist in den Strudel der Stahlkrise geraten. Der luxemburgische Arbed-Konzern, der über den Eschweiler Bergwerks-Verein Eigentümer von "Erin", ist, weiß nicht, wohin mit der Kohle.

So fanden in der vergangenen Woche unter Vorsitz von Lamsdorffs Staatssekretär Dieter von Würzen Gespräche statt, in denen es mehr um eine Übernahme der gut 3000 Beschäftigten durch andere Bergbauunternehmen – der geographischen Lage nach kommt dabei nur die Ruhrkohle in Frage – als um eine Vermeidung der Stillegung ging. Der Tod von "Erin" ist wohl beschlossene Sache.

Abgesehen von diesem einen Fall wehrt sich der Bergbau allerdings mit Händen und Füßen gegen Stillegungen von Zechen – ausgenommen jene, die sich zwangsläufig dadurch ergeben, daß die Kohlenvorräte erschöpft sind. Widerstand wird nicht nur geleistet, weil eine Beunruhigung der Belegschaft vermieden werden soll, sondern vor allem deshalb, weil man das für eine falsche Reaktion auf eine "Delle" im Absatz hält. Der Bergbau glaubt an sich, er ist fest davon überzeugt, daß sein Absatzziel von 90 Millionen Tonnen für 1990 realistisch ist, die gegenwärtige Förderkapazität also gehauen werden muß.

Von diesem Absatz sind die Zechengesellschaften freilich weit entfernt. Für dieses Jahr rechnen sie mit weniger als 80 Millionen Tonnen – 1981 waren ?? noch sieben Millionen Tonnen mehr. Gleichzeitig ist die Förderung weiter gestiegen, von Januar bis September um 2,1 Prozent auf 66,9 Millionen Tonnen. Rechnet man das auf das Jahr hoch, dann kommen dabei knapp 90 Millionen Tonnen heraus – die Differenz muß notgedrungen auf Halde gekippt werden. Kein Wunder, daß die unverkauften Bestände seit Jahresbeginn um 9,1 Millionen Tonnen gewachsen sind – allein von Mai bis September um sieben Millionen Tonnen. Der Bestand entsprach Ende vergangenen Monats 59 Tagesförderungen, 28 mehr als vor einem Jahr.

Denen, die dem Bergbau übel wollen, kann dies nur ein neuerlicher Beweis für die "Borniertheitder Bergassessoren" sein. Doch das ist falsch. Vielmehr ist den Zechengesellschaften die Förderung schlicht davongelaufen. Als Folge vorhergehender Investitionen und wohl auch deshalb, weil die Bergleute kräftiger in die Hände spucken, ist die Produktivität – ausgedrückt in Förderung je Mann und Schicht – im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 Prozent gestiegen. Überdies haben weniger Bergleute wegen Krankheit gefehlt.