Von Gerhard Spörl

Kiel, im Oktober

Nein, er hat sich nicht geziert. Uwe Barschel betrachtet es als eine Selbstverständlichkeit, daß er und kein anderer Gerhard Stoltenberg beerbt. Auf ihn lief die Wahl zum Ministerpräsidenten zu, und deshalb sah Barschel auch keinen Grund, so zu tun, als ob ihm Unerfreuliches widerfahre. Qualität, das ist seine Maxime, setzt sich allemal durch; es kommt nur darauf an, sich in Positur zu setzen, damit man nicht übergangen werden kann.

Kurz vor der Wahl kam Barschels pralles Selbstgefühl freilich doch noch ins Wanken. Sollte es ihm etwa so gehen, wie einst dem SPD-Kandidaten Kasimir in Niedersachsen, der zu jedermanns Überraschung nicht alle Stimmen seiner Partei erhielt und dann Ernst Albrecht den Weg freimachen mußte? Doch die schleswig-holsteinische CDU wirft die Macht nicht schnöde weg. Manch ein Parlamentarier, der vom herrischen Innenminister bei Gelegenheit gemaßregelt worden war, mag vorübergehend an Verweigerung gedacht haben; gewählt haben sie ihn dann allesamt.

Dennoch wirkte Barschel kaum erleichtert, als die Parteifreunde ihn im Landtag zum neuen Amte beglückwünschten. Steif und beinahe verlegen stand er neben dem zwei Köpfe größeren, souveränen Stoltenberg und ließ die Gratulationscour über sich ergehen. Er muß es erst noch lernen, sich zwanglos und gelassen zu geben. Bisher war er gewohnt, sich alleine durchzusetzen, sich nach vorne zu drängen; selbst unter seinen politischen Freunden hat er immer auch mögliche Gegenspieler und Konkurrenten gewittert. Und er hat sie seinen Hochmut oft spüren lassen. In Kiel wird genüßlich kolportiert, wie Barschel – noch als Innenminister – auf der Regierungsbank saß und voller Wut die Hände überm Kopf zusammenschlug, weil ein CDU-Abgeordneter vorne am Rednerpult Unsinn redete. Ein höchst ambitionierter Einzelgänger, der dennoch unaufhaltsam eine Etappe nach der anderen nahm, weil er Stoltenbergs Wohlwollen hatte.

Jetzt ist der 38 Jahre alte Barschel der jüngste aller bundesdeutschen Ministerpräsidenten. Das muß ein anderes Lebensgefühl für ihn erzeugen: In jedem neuen Amte schien er immer schon wieder auf dem Sprung ins nächsthöhere; nun muß er sich damit vertraut machen, erst einmal am Ziel zu sein.

Barschel diskutiert nur ungern über jene Eigenschaften, die ihm von Freund und Feind zuerkannt werden: zielstrebig zu sein, machtbewußt, auf Konfrontation bedacht. Aber er wehrt sich auch nicht sonderlich dagegen. Schließlich gibt ihm der Erfolg recht. Er war erst sechzehn Jahre alt, als er die Junge Unioneintrat. Als die Studentenrevolte ausbrach, war er schon Vorsitzender der CDU-Nachwuchsorganisation und Studentensprecher im Kieler Universitätsparlament. Damit hielt man in jenen aufgeregten Tagen am besten hinter dem Berg. Aber, so erinnert sich Barschel heute, auch das nützte ihm nichts. Allein die Tatsache, daß er gegen den Strom schwamm, habe die Linken derart gegen ihn aufgebracht, daß sie eines Tages seinen sorgfältig sortierten Zettelkasten – unentbehrliches Ingredienz für das Examen – aus dem Fenster warfen. Der maßlos wütende Student, der verzweifelt seine Karteikarten auf der Straße zusammensucht, lebt heute noch in Barschel auf, wenn er unnachgiebig gegen die neuen Linken und die Sozialdemokraten vom Leder zieht.