Man nehme: ein Musiklexikon – daß es sich im vorliegenden speziellen Falle um ein Exemplar aus der DDR handelte, hat gewiß das Ergebnis nicht ideologisch beeinflußt, der neue Innenminister hat also noch keinen Grund zu Mißtrauen oder Verbotsaktionen. Man schlage auf: irgendwo unter dem Buchstaben "R". Da begegnen zwischen "rabbioso – wütend" oder "raccotta – Sammlung" und "rullo – Trommelwirbel" oder "rustico – ländlich, bäuerlich" zweifellos geheimnisvolle Ausdrücke die Menge. Ein Teil von ihnen benennt Formen, ein anderer Verhaltensweisen, ein dritter Instrumente, ein vierter Rollen, Figuren, Titel. Man wähle eine bestimmte Anzahl solcher Begriffe aus und schreibe über jeden ein kleines Charakterstück, eines ganz kurz, ein anderes etwas ausführlicher, ein drittes dauert vielleicht sogar fünf oder sechs Minuten. Man füge die Sätzchen zusammen, wobei die Syntax vielleicht selber durch einen der Begriffe bestimmt wird – eigentlich scheint Komponieren auch heute noch so schwer gar nicht zu sein.

Nur muß man ja zunächst die Ideen haben – und Mauricio Kagel wäre jemand anderes, fiele ihm nicht ständig Neues und vor allem Ungewohntes ein. Seine am Wochenende bei den Donaueschinger Musiktagen vorgestellte jüngste Arbeit ist nach beschriebenem Rezept hergestellt: "Rrrrrrr..." 35 Stücke, in Gruppen angelegt, für Bläser mit Kontrabaß und Schlagzeug, für gemischten Chor, für Orgel, für zwei Schlagzeuge, für eine Stimme, für Jazz-Ensemble oder eine elektronische Rhythmus-Maschine.

"Raccontando" etwa, "im erzählenden Stil": acht Takte lang bewegen sich verschiedene Bläser in unterschiedlich startenden Zeitschichten und Dauern, aber genau im Metrum, also synchron in immer den gleichen Intervallen hin und her – ein bißchen wie ein Party-Geplauder, wo die Gespräche von Individuen sich mischen zu einem nicht mehr trennbaren oder identifizierbaren bewegten Klangspektrum.

Oder "Rauschpfeifen", einmal für Bläser, ein andermal, daher Kommt die Registerbezeichnung, für Orgel: über einem Baß aus spitz hervorgestoßenen Quint-Schritten eine Kette von schnarrenden Akkorden, 28 Takte nur, eine gemütliche Walze mit leicht antikisierenden Klangfarben.

"Railroad Drama": mit Trillerpfeifen und Papierblättern, zwei Ruten und einem Brummtopf, Blockflötenköpfen, "Löwengebrüll" und großer Trommel werden die Geräusche einer Lokomotive – nein, nicht nachgeahmt, sondern auf ihre Kern-Klänge reduziert und verfremdet. Das Drama ist ja eigentlich gar keines, weil der Zug ja gar nicht erst abfährt.

"Rheinländer" – da hat man schon ganz fies Mühe, wenigstens den für diesen Vierer-Tanz typischen Rhythmus in den zwei Hörnern wiederzufinden; der Rest nämlich verfremdet den Satz fast zur Unkenntlichkeit.

"Rex tremendae" – eigentlich ein Vers aus der Totenmesse. Aber anders als etwa in Verdis "Requiem" wird der Text nicht im affektiven Sinne "vertont", sondern beinahe in eine Art Verzweiflung oder Ironie oder Agnostik umgekehrt: das Jons pietatis" klingt weder klagend noch hoffend, allenfalls resignierend.