Göttingen

Als der Göttinger Bodenkundler Dr. Holger Wildhagen im Herbst 1979 sein neues Eigenheim fertiggestellt hatte, brauchte er zur Ausgestaltung des Gartens noch 40 Kubikmeter Muttererde. Seine Frau griff zum Telephon und wählte eine Nummer, die sie kurz zuvor im Anzeigenteil der Lokalzeitung gesehen hatte. Das Baggerei- und Abbruchunternehmen sagte die erwünschte Lieferung für ein Wochenende zu, an dem das Ehepaar gerade nicht zu Hause war. Von seinen Nachbarn erfuhr Wildhagen an jenem Samstag per Telephon, daß mit dem Abladen alles wie abgesprochen geklappt habe. Nur eine Einschränkung machte ihn etwas stutzig: "Es stinkt ein bißchen."

Wieder daheim, entdeckte der Bodenkundler schnell, was da so stank: getrockneter Klärschlamm, direkt aus der Schlammdeponie des Göttinger Klärwerks.

Ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1980, stutzte er ein zweites Mal: Die Lokalpresse berichtete, daß in den städtischen Klärteichen gefährlich hohe Konzentrationen des giftigen Schwermetalls Cadmium gemessen worden seien. Dr. Wildhagen nahm seinen Garten daraufhin etwas genauer unter die Lupe. Was bei seinen Untersuchungen herauskam, klang nicht gerade beruhigend: Dort, wo inzwischen Gemüse, Blumen oder Gräser wuchsen, steckte soviel Cadmium im Boden, daß die von Wissenschaftlern und Behörden gezogenen Toleranzgrenzen weit überschritten wurden.

Es stellte sich heraus, daß Wildhagen keineswegs der einzige war, der auf Grund von Zeitungsanzeigen preisgünstigen Mutterboden bestellt hatte und statt dessen cadmiumbelasteten Klärschlamm in den Garten gekippt bekam. In den Gärten von über 80 Hausbesitzern aus Göttingen und Umgebung wurden tatsächlich Belastungen gemessen, die deutlich über dem Grenzwert von drei Milligramm Cadmium pro Kilogramm Erde lagen und im Extremfall sogar Werte von 55 mg/kg erreichten.

Für das kleine Baggereiunternehmen aus dem Landkreis, das sich mit dem Klärschlamm-Handel einen monatelangen Zusatzverdienst verschafft hatte, endete der "Etikettenschwindel" (so die Staatsanwaltschaft) dieser Tage mit einem Strafprozeß vor dem Amtsgericht Duderstadt (Kreis Göttingen). Kein Umweltdelikt, sondern nur "fortgesetzter Betrug" wurde den beiden jungen Firmenchefs vorgehalten, und das auch nicht in allen 80 bekanntgewordenen Fällen, sondern zum Schluß nur noch für ganze zehn Schlammlieferungen, bei denen eindeutig eine betrügerische Täuschungsabsicht vorgelegen habe.

Das (noch nicht rechtskräftige) Urteil fiel entsprechend milde aus: 2400 Mark Geldstrafe für den 25jährigen und Freispruch für seinen 21 jährigen Bruder.