Es erleichtert den Umgang unter Menschen, die Dinge nicht immer beim Namen, einen Dinge nicht immer beim Spaten und eine Putzfrau "Raumpflegerin" zu nennen. Das wird dann auch nicht als "Schönrednerei" bezeichnet, sondern als Euphemismus (von eu = gut und pheals = Rede).

Gegen Euphemismen im allgemeinen ist kaum etwas zu sagen, denn aus ihnen sprechen edle Rücksichten ebenso wie dreiste Verdummungsversuche. Wo es sich um das eine, wo um das andere hansich mag jeder für sich selber entscheiden. Die Wahrheit liegt oft in der Mitte zwischen den Extremen.

Der jüngste Euphemismus entstand kurz vor März 1982: Seitdem bekommen "Heimbewohner" (älterer Euphemismus für Altersheim-Insassen) kein "Taschengeld" mehr, sondern "Barleistungen" (nämlich 120 Mark im Monat). Sind sie nun besser dran? Die "Fremdarbeiter" fühlen sich offenbar nicht wohler, seitdem sie "Gastarbeiter" geworden sind. Und ob die "Masseurinnen" wirklich ihren Ruf dadurch verbessern konnten, daß sie sich von den "Masseusen" distanzierten – so von vorher schon die "Friseurinnen" von wie "Friseusen"?

Die unverständlichen Wortmixturen aus griechischen und lateinischen Brocken, die Ärzte als Medizinstudenten mühsam erlernen müssen, fördern nicht nur das Standesbewußtsein, sondern dienen auch euphemistischen Zwecken. Da das "Bronchialkarzinom" inzwischen auch von Laien als Lungenkrebs erkannt worden ist, erfreuen sich Umschreibungen mit "Mitosen" oder "Neoplasma" steigender Beliebtheit.

Der Königin Victoria wird jene Prüderie zugeschrieben, die in besseren englischen Kreisen sogar das Wort "leg" unaussprechlich machte, jedenfalls dann, wenn das Bein einer Lady gehörte. Bernard Shaw wurde ebenso berühmt wie auf viktorianischen Bühnen unspielbar dadurch, daß er seine Eliza Doolittle "not bloody likely" sagen ließ. Um das so gefürchtete Wort "bloody" zu vermeiden, bot sich nun nicht mehr nur "blooming" an, sondern jetzt sprachen feine Engländerinnen vom "Shavian adjective".

Im Intimbereich gedeihen noch heute die meisten Euphemismen. Da ist von "Händewaschen" die Rede, vom "Verschwinden" und vom "Nasepudern", von "G. O." und von "(schweren) Tagen". Da spricht man von "umarmen" für Situationen, wo die Arme gar keinen Platz haben. Und das sollte alles auch ruhig so bleiben. Irgendeine neue 68er Generation darf sich dann wieder großartig vorkommen, wenn sie all diese "Tabus" bricht, die ja eben längst keine Tabus mehr sind, sondern nur noch Euphemismen.

Wir haben uns daran gewöhnt, daß staatliche Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit "Beschäftigungsprogramm" heißen, daß aus der Arbeiter-Partei eine Partei der "Arbeitnehmer" geworden ist, und die Unternehmer haben sich zu "Arbeitgebern" gemausert. Schwangerschaftsabbruch wird zur "Schwangerschaftsunterbrechung" verharmlost ( als ob es nach der "Unterbrechung" weitergehen könnte), und die Kranken gehen zum "Gesundheitsamt".