Es gibt wenige Politiker, die ihren Überzeugungen treu bleiben, ohne in Selbstgerechtigkeit zu verfallen. Der am vorigen Montag im Alter von 75 Jahren in Paris verstorbene Linksliberale Pierre Mendès-France gehörte zu ihnen; deshalb war er über die Grenzen Frankreichs hinaus als Staatsmann geachtet.

Mendès-France begann seine politische Laufbahn 1932 als jüngster Abgeordneter der französischen Nationalversammlung. Vier Jahre später trat er als Staatssekretär in die Volksfront-Regierung von Léon Blum ein und meldete sich bei Kriegsausbruch trotz der Möglichkeit, sich als Parlamentarier freistellen zu lassen, zum Einsatz bei der französischen Luftwaffe.

Nach der Niederlage Frankreichs wurde dem linken und zudem jüdischen Offizier Mendès-France vom Vichy-Regime der Prozeß gemacht. Von den Kollaborateuren zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, gelang es ihm nach fünf Wochen zu fliehen. Er schlug sich nach London zu General de Gaulle durch und nahm als Bomberpilot an Angriffen auf Hitlers Truppen in Frankreich teil. Im ersten Nachkriegskabinett des Generals war er für kurze Zeit Finanzminister, verließ die Regierung aber im Streit über den richtigen Weg zur Sanierung der Wirtschaft des verwüsteten Landes.

Im Juni 1954, als sich in Vietnam die Niederlage bei Dien-Bien-Phu abzeichnete, übernahm Mendès-France das Amt des französischen Regierungschefs. Sein erklärtes Ziel war es, den Kolonialkrieg in Indochina rasch zu beenden. Das Versprechen hat er gehalten. Auch in Nordafrika leitete er die Entkolonialisierung ein. Tunesien erhielt von Mendes-France Autonomie; er ersparte damit Frankreich einen Unabhängigkeitskrieg, wie er später in Algerien ausbrach.

Das waren die beeindruckenden Resultate seiner kurzen Amtszeit, denn schon nach sieben Monaten wurde Mendès-France gestürzt. Bald darauf kam de Gaulle wieder an die Macht; er fand in Mendes-France einen unerbittlichen Gegner, denn der Hauch von Staatsstreich, der dem Comeback des Generals anhaftete, stieß den Linksliberalen ab.

Seine Integrität machte Mendès-France im Mai 1968 zu einem der wenigen altgedienten Politiker, der das Vertrauen der revolutionierenden Jugend nicht völlig verloren hatte.

Dreizehn Jahre später, im Mai 1981, erlebte Mendès-France mit dem Triumph des von ihm unterstützten Sozialisten François Mitterrand seinen späten persönlichen Sieg.

Jörg Reckmann (Paris)