Mehr als der Regierungswechsel in Bonn haben die weltweit sinkenden Zinsen Leben in die Börsensäle gebracht. Auf den deutschen Aktienmärkten gab es Rekordumsätze, aber nur auf Teilgebieten steigende Kurse. Die private Bankenkundschaft wartet noch ab.

Vor der Frage stehend, ob es zur Zeit besser ist, Aktien oder festverzinsliche Wertpapiere zu kaufen, entscheidet sich ein großer Teil der privaten Bankenkundschaft fürs Abwarten. Sie kann sich mit den seit dem Spätsommer vergangenen Jahres gesunkenen Zinsen noch nicht abfinden und hofft im Stillen auf die Rückkehr zu zweistelligen Sätzen. Solche sind heute nur noch bei einigen mit Risiken verbundenen, auf Mark lautenden Anleihen ausländischer Schuldner erzielbar.

Bei den Aktien stört weniger die ungünstige Konjunktursituation, sondern vielmehr die Ungewißheit über den Ausgang der für März 1983 Bundestagswahlen. Es ist nicht nur zu befürchten, daß diese Wahlen die Aktientendenz in den nächsten Monaten entscheidend beeinflussen, sondern auch dazu führen, daß gerade im mittelständischen Bereich Investitionen zurückgestellt werden.

"Die Aussicht auf eine längere Amtszeit der CDU/CSU-FDP Koalition würde sicher stimulierend wirken", meint das Hamburger Bankhaus M. M. Warburg-Brinckmann, Witz & Co und bringt damit die Mehrheitsmeinung der Anlageexperten zum Ausdruck.

Die Vereins- und Westbank in Hamburg ist grundsätzlich der Meinung, daß an den deutschen Aktienmärkten wieder Geld zu verdienen ist, macht aber die Einschränkung, daß sich die Unternehmenstätigkeit erst dann beleben wird, wenn zu den bereits vorhandenen freundlicheren Rahmendaten (gesunkene Finanzierungskosten, gestiegene Arbeitsproduktivität und Abschreibungserleichterungen) eine klar kalkulierbare Wirtschaftspolitik tritt.

Und das ist für den Wertpapieranleger gegenwärtig der springende Punkt. Denn was ist, wenn die Regierung Kohl/Genscher bei den Wahlen die Mehrheit verfehlt? Der Gedanke an mögliche Alternativen mag schrecken. Gleichwohl wäre es leichtfertig, ihn – weil unangenehm – einfach beiseite zu schieben. Mit ziemlicher Sicherheit wird auch über den kommenden März hinaus die Zinssenkung weitergehen. Seitdem in den USA das Zinsruder herumgeworfen worden ist, hat die Bundesbank Spielraum für eigene zinssenkende Entschlüsse bekommen.

Daß von dem Zinsrückgang in erster Linie der Besitzer festverzinslicher Wertpapiere profitiert (der Kurs der im vergangenen Jahr aufgelegten 10 3/4prozentigen Bundesanleihe ist auf fast 115 Prozent geklettert), liegt in der Natur der Sache.