Vor zwanzig Jahren erschütterte die Spiegel- Affäre die Republik – Neues über die Rolle von Strauß und der FDP

Von Daniel Koerfer und Karl-Heinz Janßen

„Wir sollten die Dinge nicht ad acta legen, sondern sollten tief in unser Gedächtnis hineinschreiben: Wiedervorlage.“

Theodor Eschenburg

im November 1962

Zwanzig Jahre ist es her, als ein politischer Skandal ohnegleichen die Bundesrepublik erschütterte. Während die Kuba-Krise die Welt an den Rand eines Atomkrieges brachte, rollte in Hamburg und Bonn eine Polizeiaktion an: Redakteure und Offiziere wurden als „Landesverräter“ verhaftet, die Stiege/-Redaktion wochenlang besetzt. Berge von Akten abtransportiert. Ein Aufschrei der Empörung ging durchs Land, von „Staatsstreich“ war die Rede. Schließlich stürzte die Regierung Adenauer Die Vorgeschichte

Für die Jüngeren ist das alles dunkle Vergangenheit. Und doch wirkt die Spiegel-Affäre von 1962 bis in die Bonner Politik unserer Tage hinein. Fragen sind geblieben, werden weiterhin gestellt. Was steckte dahinter? War es ein Machtkampf zwischen Regierung und Opposition? Rivalität zwischen konkurrierenden Geheimdiensten? Gar eine Verschwörung? Was wußte Bundeskanzler Adenauer? Was Verteidigungsminister Strauß? Hat Franz Josef Strauß, dieser ehrgeizig-aggressive, dabei merkwürdig zaudernd-unsichere Machtmensch, in dieser Affäre wirklich nur eine Nebenrolle ganz am Rande gespielt, wie er selber immer wieder beteuert?

Blenden wir zurück! Im Herbst 1962 regierte in Bonn, wie heute, eine CDU/CSU/FDP-Koalition. Der Bundeskanzler hieß seit 13 Jahren Konrad Adenauer. Das Klima in dieser Koalition war schlecht, von Anfang an gespannt. Die FDP unter ihrem Vorsitzenden Erich Mende hatte sich vor der Bundestagswahl 1961 auf ein gemeinsames Regierungsbündnis mit den Christdemokraten festgelegt, aber den damals 85jährigen Adenauer als Kanzler abgelehnt. Nach dem besten Wahlergebnis ihrer Geschichte (12,8 Prozent) und endlosen Koalitionsverhandlungen trat die Partei in die Regierung ein: unter Bundeskanzler Adenauer! Das Wort vom „Umfall“ war geboren – die Glaubwürdigkeit der Liberalen beschädigt.

Der Kanzler allerdings hatte den mißtrauischen Freien Demokraten schriftlich zugestehen müssen, er werde vor Ablauf der Legislaturperiode zurücktreten. Die FDP, darauf bedacht, das eigene Ansehen wieder aufzubessern, machte Adenauer das Regieren zunehmend schwerer, während der Kanzler auf Zeit sich von eben dieser Beschränkung freizumachen suchte. Zugleich kämpften in der CDU/CSU verschiedene Politiker um seine Nachfolge, was die Koalition noch mehr belastete.

Einer, der sich gute Chancen auf die Kanzlerschaft ausrechnen konnte, war Franz Josef Strauß. Er hoffte, wenn nicht sofort, so doch nach einem Übergangskanzler Ludwig Erhard das Ziel zu erreichen. Es schien, als ob niemand den erfolgreichen jungen Mann Adenauers – mit 33 Bundestagsabgeordneter, mit 38 Kabinettsjunior und Sonderminister, mit 40 Atomminister, ein Jahr später, 1956, Verteidigungsminister – auf seinem Weg dorthin würde aufhalten können. Nur eine Zeit-Weg dorthin würde aufhalten können. Nur eine Zeitschrift schickte sich seit längerem an, eben dies zu versuchen: der Spiegel.

Getreu ihrer Devise, daß nichts den Menschen so sehr zu fesseln vermag wie der Mensch, interessierten sich die Redakteure um Rudolf Augstein und Hans Detlev Becker vor allem für einen Menschen: für Strauß. Ihn vom Kanzleramte fernzuhalten, war seit April 1961 offen erklärtes Ziel des Spiegel. In einer Titelgeschichte („Der Endkampf“) anläßlich seiner Wahl zum CSU-Vorsitzenden wurde erstmals massiv vor einem Kanzler Strauß gewarnt: „Ob die CDU oder die SPD künftig Wahlen gewinnen wird, ist nicht mehr so sehr von Belang. Wichtig erscheint allein, ob Franz Josef Strauß ein Stück weiter auf jenes Amt zumarschieren kann, das er ohne Krieg und Umsturz schwerlich wieder verlassen müßte.“ Er werde das Wahlrecht manipulieren, die Todesstrafe ebenso wie die Pressezensur wieder einführen, Gerichte und demokratische Institutionen mißachten.

– In seiner Fehde gegen Strauß scheute der Spiegel weder Kosten noch Mühen, zumal die Kampagne seiner Auflage nicht schadete. Auch in der Wahl seiner Mittel war das Nachrichtenmagazin nicht zimperlich: Es hängte Strauß den „Ruch der Korruption“ an. Im Sommer 1962, nach einer Vielzahl von Berichten, hatte der Spiegel sein Ziel erreicht: Strauß war fürs erste der Einzug ins Palais Schaumburg verwehrt.

Besonders der Skandal um die Finanzbau AG („FIBAG“), die Bauten für amerikanische Soldaten zu planen vorgab, füllte unzählige Seiten des Magazins, dann Prozeßakten, schließlich auch Akten eines Untersuchungsausschusses im deutschen Bundestag. Am 28. Juni 1962 wurde die erste Fassung des Ausschußberichtes mit den Stimmen der oppositionellen SPD und der an der Regierung mitbeteiligten FDP zurückgewiesen – ein bis dahin einzigartiger Vorgang. Freilich fiel das Abstimmungsergebnis denkbar knapp aus: 226 : 224 Stimmen. In der Hektik hatte sich sogar ein Zählfehler eingeschlichen. Die von der bestürzten Regierung veranlaßte Nachprüfung erbrachte ein neues Resultat: 225 : 223, änderte aber nichts an dem für Strauß niederschmetternden Ergebnis.

Er war öffentlich nicht entlastet worden. Offensichtlich hatte er Empfehlungsschreiben für persönliche Bekannte unterschrieben. Er befand sich in einer unerfreulichen Lage. Schließlich war dies der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Skandalen, die mit seinem Namen verknüpft wurden und auf persönliche Unbeherrschtheit sowie dubioses Geschäftsgebaren schließen lassen konnten.

Seither ist das Verhältnis zwischen Strauß und der FDP empfindlich gestört. Die Freien Demokraten – Augstein war seit 1955 Mitglied der liberalen Partei – mußten aus der Sicht von Strauß an dieser „Verschwörung“ maßgeblich beteiligt sein. Außerdem stilisierten sie sich auf seine Kosten als Wahrer des Rechtsstaates. Oder wollte sich die FDP vielleicht bei Strauß dafür rächen, daß er ihrem Vorsitzenden Mende 1961 noch vor der Bundestagswahl versprochen hatte, beim Sturz Adenauers entscheidend mitzuhelfen, dieses Versprechen aber dann doch nicht hielt?

Auch in den Reihen der Union mehrten sich die Kritiker. Strauß fühlte sich verfolgt, denunziert, mißverstanden, kurz, ein Opfer der Pressefreiheit. Eine Weile spielte er schon damals mit dem Gedanken, sich als Ministerpräsident nach Bayern zurückzuziehen. Im November 1962 mußte ein Nachfolger für Hans Ehard gefunden werden. Strauß wurde von der CSU bedrängt, wäre auch zweifelsohne gewählt worden. Augstein, sein unermüdlicher Gegner, bedeutete ihm bereits im Januar 1962, in München sei er kein „Sicherheitsrisiko“, mithin vor Spiegel-Attacken sicher. Vielleicht gerade deshalb ließ Strauß die Idee fallen, um seinem Widersacher den Triumph nicht zu gönnen.

Am 18. September 1962 – Daten werden nun wichtig – gab Strauß bekannt, er werde definitiv nicht nach München gehen. Eine Kampfansage an den Spiegel? Augstein empfand das so. Obwohl in der Spiegel-Nummer vom 19. September bereits die Titelgeschichte über General Foertsch, den Generalinspekteur der Bundeswehr, für die nächste Ausgabe angekündigt worden war, erschien statt dessen ein Bericht über Rüstungsaufträge an einen „Onkel Aloys“ Brandenstein, der seit Jahren im Hause der Familie von Frau Strauß verkehrte. Augstein wollte, wie seine Kolumne „Lieber Spiegel-Leser“ bezeugte, Strauß nach dem Zugang zum Kanzleramt nun auch den zum zweitwichtigsten Amt der Bundesrepublik verbauen. Der Bayer sollte nicht Außenminister werden (ein Posten, von dem er bis heute träumt).

Strauß, der mittlerweile zu einem kurzen Urlaub an die Côte d’Azur gefahren war, mußte zwangsläufig annehmen, der Spiegel beabsichtige, die Kampagne gegen ihn fortzusetzen, ja zu verschärfen, Am 6. Oktober 1962 hat er in seinem Chalet im südfranzösischen Issambres einem Vertrauten sein Herz ausgeschüttet. Die Entscheidung, nicht nach München zu gehen, sei ihm schwergefallen. Prompt hätten nun auch die Angriffe gegen ihn wieder eingesetzt. Inzwischen wisse er aus reichlicher Erfahrung, daß es keinen Sinn habe, die Justiz anzurufen, weil die Methode, eine besondere Technik der Verleumdung in Kombinationen und Anspielungen, so raffiniert sei.

Natürlich sei so etwas in der Bundesrepublik nur möglich, weil Regierung und Fraktion der CDU/CSU in der letzten Legislaturperiode (wohlgemerkt noch im Besitze der absoluten Mehrheit) versagt hätten. „Aber“, so Strauß an diesem 6. Oktober, „ich glaube, wir müssen nunmehr aktiv den Kampf aufnehmen, sonst wird Herr Augstein, dessen Sympathien für Schröder unverhohlen gezeigt werden, bald bestimmen, wer in einer Spitzenposition sein darf oder wer was wird.“

Strauß hatte also die Anwartschaft auf die Kanzlernachfolge noch nicht aufgegeben, auch wenn er sich dabei mit, dem erfolgreichen Außenminister Gerhard Schröder (den nicht nur Augstein als Adenauers Nachfolger favorisierte) auseinandersetzen sollte. Ebenso war er entschlossen, gegen seine Widersacher außerhalb der CDU/CSU und den Erzfeind in Hamburg vorzugehen. Kurzum, er wollte „aktiv den Kampf aufnehmen“.

Die Polizeiaktion

Sie kamen bei Nacht und Nebel. Kurz nach 21 Uhr, am Freitag, dem 26. Oktober 1962, stürmten fünfzig Polizisten die Spiegel-Redaktion im sechsten Stock des Hamburger Pressehauses: Männer der Sicherungsgruppe Bonn, Überfallkommandos, Kripobeamte. Sie präsentierten Haftbefehle wegen Landesverrats und Bestechung gegen Herausgeber Rudolf Augstein und den Militärexperten Conrad Ahlers und einen Durchsuchungsbefehl. Sie wollten herausfinden, welche Offiziere oder Beamte der Bundeswehr dem Spiegel für die Titelgeschichte vom 8. Oktober („Bedingt abwehrbereit“) über Generalinspekteur Foertsch und die Nato-Stabsrahmenübung „Fallex 62“ Informationen geliefert hatten.

Die Bundesanwaltschaft hatte nicht bedacht, daß freitags nachts das Nachrichtenmagazin angedruckt wird. So stieß die Polizei noch auf sechzig Redakteure und Mitarbeiter der Nachtschicht – das war die erste von vielen Pannen und Tölpeleien eines dilettantisch geplanten Unternehmens. Einige Redakteure durften unter Bewachung weiterarbeiten, mußten aber die Druckfahnen der neuen Ausgabe vorzensieren lassen.

Alle fünf Etagen der Redaktion wurden von der Polizei durchsucht, verschlossen und versiegelt, die Chefredakteure Claus Jacobi und Johannes K. Engel vorläufig festgenommen. Bei Jacobi wurde das ganze Haus auf den Kopf gestellt, die Beamten durchstöberten sogar die Kinderbetten und das Stroh im Ponystall.

In Düsseldorf war schon einige Stunden vorher ein Anzeigenvertreter, nur weil er einen Mercedes mit Hamburger Nummer fuhr, als vermeintlicher Augstein verhaftet worden. Obwohl er siebzehn Jahre älter und von gänzlich anderer Statur war, wollte man ihm seine Unschuldsbeteuerungen lange nicht glauben. (Panorama-Kommentar: „Es scheint neuerdings bedenklich zu sein, anderen Leuten nicht ähnlich zu sehen.“)

Als die Polizei ihren Irrtum bemerkt hatte, suchte sie den Spiegel- Chef in seiner Hamburger Wohnung. Er saß aber ganz woanders mit seinem Verlagsdirektor Hans Detlev Becker beisammen und ließ sich einen 59er Mosel munden. Die Schreckenskunde erfuhren beide auf Umwegen. Die Fahnder hatten bei der Durchsuchung im Pressehaus den Chef des Wirtschaftsressorts, Leo Brawand, übersehen, der sich in einem Kleiderschrank versteckt hielt. Ihm gelang es noch, ehe die Telephone und Fernschreiber gesperrt wurden, seine Frau und die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zu alarmieren. So gelangte die Nachricht, die Auslieferung des Magazins sei durch Polizei gefährdet, rasch zu Rechtsanwalt Josef Augstein, einen Bruder des Herausgebers, in Hannover. Sofort brauste der Anwalt mit seinem Wagen gen Norden.

Rudolf Augstein überantwortete sich der Justiz erst am Samstagmittag, Er stellte sich zunächst dumm, als er das Zahlenschloß des Tresors in seinem Arbeitszimmer öffnen sollte. Dort lag nämlich ein von Ahlers angefertigtes Exposé mit streng geheimen Mitteilungen eines Obersten aus dem Verteidigungsministerium. Augsteins Versuch, das belastende Dokument unter einem Stapel bereits durchsuchten Akten verschwinden zu lassen, mißlang.

Der vermeintliche Haupttäter Ahlers wurde noch in der Nacht – unter zunächst mysteriösen Umständen – in seinem Urlaubsdomizil im spanischen Torremolinos mit seiner Frau von der Polizei aus dem Bett geholt und in eine schmutzigkahle Gefängniszelle gesperrt; anderntags flog er nach Deutschland zurück.

Inzwischen war auch das Bonner Spiegel- Büro für ein paar Stunden besetzt und zweimal durchsucht worden. Nicht Stunden, sondern einen ganzen Monat brauchte die Bundesanwaltschaft, bis sie in der Hamburger Redaktion ihre „Materialsammlung“ abgeschlossen hatte. ZElT-Verleger Gerd Bucerius fand dort am 28. Oktober den Staatsanwalt Siegfried Buback, den völlig verzweifelten und erschöpften Leiter der Ermittlungen, hilflos vor einem Berg von Akten sitzend. Bucerius: „Wenn Sie eine solche Aktion unternehmen, dann müssen Sie sich einen Generalstabsplan machen. Dazu brauchen Sie ein Dutzend Staatsanwälte, so viele gibt es mindestens in Deutschland!“

Aber auch sechs Mann Verstärkung aus Karlsruhe machten Buback das Geschäft nicht leichter. Die Bundesanwaltschaft hatte die Größe der Spiegel-Redaktion völlig unterschätzt. Da der Ermittlungsrichter die Untersuchung auf alle Spiegel-Ausgaben seit 1947 ausgedehnt hatte und auch noch wegen Bestechung und möglicher anderer Straftaten ermittelt wurde, beschlagnahmte man 30 000 Schriftstücke, von denen 90 Prozent nichts mit militärischen Dingen und 99 Prozent nichts mit dem inkriminierten „Fallex“-Artikel zu tun hatten.

Natürlich interessierten sich die Staatsanwälte für alles Material über Strauß, aber merkwürdigerweise auch für die Akten über Verhandlungen zwischen ZEIT und Spiegel Selbst eine Landkarte mit rot markierten Straßen erregte Verdacht – es war Willy Brandts Wahlkampfroute von 1961.

Einem weniger finanzstarken Verlag als dem Spiegel mit seiner damaligen Auflage von über 500 000 Exemplaren hätte diese Polizeiaktion den Garaus gemacht, wurde doch eine normale Redaktionsarbeit unmöglich. Und selbst beim Spiegel hätten einige Ausgaben ausfallen müssen, wenn nicht ZEIT, stern und Hamburger Echo, die im selben Hause saßen, großzügig mit den ausgesperrten Kollegen die Tische, Telephone und Schreibmaschinen geteilt hätten.

War das ganze Unternehmen womöglich nur gestartet worden, um an das geheimnisvoll-sagenhafte Spiegel- Archiv, seine Quellen und Informanten heranzukommen?

Was immer die Beweggründe der Ermittlungsbehörden sein mochten, die Öffentlichkeit war empört und glaubte an einen Anschlag auf die Pressefreiheit. Studenten gingen auf die Straße, Journalisten und Verleger (auch solche, die den Spiegel eher für unseriös hielten), Professoren, Schriftsteller und Gewerkschaftler bestürmten die verantwortlichen Behörden und die Bundesregierung mit Protesten.

Allgemein überwog das Gefühl, es handele sich um einen Racheakt des Bundesverteidigungsministers. Selbst eine stattliche Zahl seiner Bewunderer, hielt ihn für den Urheber. Strauß mühte sich, einen solchen Verdacht auszuräumen. „Es ist kein Racheakt meinerseits vertraute er am 3. November 1962 dem Nürnberger 8-Uhr-Blatt an, „ich habe mit der Sache nichts zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun.“ Immer wieder hat er – auch lange Zeit nach der Affäre – versichert, daß weder er noch das Verteidigungsministerium das Verfahren der Bundesanwaltschaft in Gang gesetzt hätten. Vordergründig gibt es an dieser Aussage nichts auszusetzen. Die Bundesanwaltschaft ist ein unabhängiges Rechtsorgan. Sie handelte „von Amts wegen“.

Aber bis heute ist im Dunkeln geblieben, wer denn die Lawine auslöste. Bundesanwalt Albin Kuhn hat später vor dem Bundesverfassungsgericht geschildert, wie ihn am 8. oder 9. Oktober 1962 in einer Sitzungspause auf dem Gang ein Mitarbeiter auf die Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“ im gerade erschienenen Spiegel aufmerksam gemacht habe und er sich den Artikel in den Sitzungssaal bringen ließ. Nun war das Blatt schon vorher, wegen anderer militärpolitischer Artikel, angezeigt worden, und zwar von dem Würzburger Professor Friedrich August Freiherr von der Heydte, einem Brigadegeneral der Reserve und CSU-Freund. Von der Heydte: „Strauß wußte nichts davon.“ Auch nach der neuen Titelgeschichte reichte er sofort eine Anzeige ein, die aber erst in Karlsruhe eintraf, als sich dort und in Bonn längst die Rädchen drehten.

Hintergrund des Artikels war eine seit langem schwelende Auseinandersetzung zwischen Amerikanern und Deutschen über die künftige Nato-Strategie in Mitteleuropa. Strauß und ein Teil seiner Generäle bevorzugten die Doktrin vom, sofortigen, massiven Einsatz atomarer Waffen, während die neuen Verteidigungsplaner um Präsident Kennedy lieber die konventionellen Streitkräfte stärken wollten, um nicht im Ernstfall von Anfang an auf Atomwaffen angewiesen zu sein.

Als Straußens Pressesprecher, Oberst Schmückle, den Streit an die Öffentlichkeit trug und erklärte, die Idee vom konventionellen Krieg in Europa sei „militärische Alchimie“, hielt es den Obersten Alfred Martin im Verteidigungsministerium nicht mehr in seiner Gewissensnot. Er und andere Offiziere meinten, sie müßten Straußens Drang nach Atomwaffen stoppen. Martin offenbarte sich dem Militärexperten des Spiegel, Conrad Ahlers, der früher einmal im Amt Blank, dem Vorläufer des Verteidigungsministeriums, gearbeitet hatte. Strauß hatte Ahlers, einen gewissenhaften und vorsichtigen Journalisten, sogar zu seinem Pressesprecher machen wollen. Die Verbindung von Oberst Martin zum Spiegel lief über einen der FDP nahestehenden Generalkonsul Paul Conrad und Rechtsanwalt Josef Augstein (die deswegen später ebenfalls verhaftet wurden).

Da der Artikel mehrmals verschoben wurde, hat ihn die Redaktion schließlich noch mit Informationen über das Nato-Stabsrahmenmanöver „Fallex 62“ angereichert (über das ein anderes, freilich regierungsfreundliches Blatt unbeanstandet noch weit mehr Einzelheiten publiziert hat als der Spiegel). Ahlers schrieb längst nicht alles, was er wußte; sicherheitshalber hatte er dem Bundesnachrichtendienst (BND) dreizehn Fragen zur Prüfung vorgelegt; auch Major Jürgen Brandt von der Führungsakademie (den heutigen Generalinspekteur) und den Hamburger Innensenator Helmut. Schmidt, einen der versiertesten Strategie-Experten in der Bundesrepublik, bat er um ein kritisches Urteil. (Wohl deshalb wurde dann vier Jahre lang gegen Schmidt ermittelt.)

Der sehr lange Artikel über die westdeutsche Verteidigungspolitik schloß mit dem für Straußens Pläne vernichtenden Resümee der „Fallex“-Übung: „Mit Raketen an Stelle von Brigaden und mit Atomgranatwerfern an Stelle von Soldaten ist eine Vorwärtsverteidigung der Bundeswehr nicht möglich, eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich.“

Der Spiegel mit der zweimal vorangekündigten Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“ kam am Montag, dem 8. Oktober, auf den Markt, zwei Tage vor dem Erscheinungsdatum. Wie wir jetzt wissen, war Strauß schon am 6. Oktober entschlossen, „aktiv den Kampf auf(zu)nehmen“. Sein damaliger Pressesprecher und Vertrauter, General a. D. Schmückle, berichtet in seinen jüngst erschienenen Memoiren, er sei an jenem 8. Oktober mit der Kurierpost zu Strauß nach Südfrankreich geflogen. Unterwegs habe er sich die „Fallex“-Geschichte durchgesehen und danach dem Minister berichtet, der Artikel sei „harmloser als gedacht“. Strauß habe es abgelehnt, ihn selber zu lesen, so daß der Oberst seine Reiselektüre wieder mitnahm. Schmückle mutet seinen Lesern damit allerhand zu. Wie kann Strauß so desinteressiert gewesen sein, wo doch in jenen Tagen sein Denken wesentlich um seinen Hamburger Erzfeind kreiste und alle gespannt auf den Artikel warteten?

Als Schmückle auf die Hardthöhe zurückkehrte, fand er das ganze Ministerium wie einen aufgescheuchten Bienenschwarm vor: „Viele behaupteten, es handele sich um den schwersten Landesverrat deutscher Geschichte.“ Aber diese vielen, die ja den Hintergrund des Artikels – den Streit um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr – kannten, wußten nur zu gut, wie der Minister über den Spiegel und dessen mutmaßliche Informanten dachte. Wer auch immer die Bundesanwaltschaft angetippt oder vorgewarnt haben mag – jedenfalls liefen die Bundesanwälte offene Türen ein, als sie sich am 9. Oktober beim Amt für Sicherheit im Verteidigungsministerium ein Gutachten erbaten. Der Verdacht des Geheimnisverrats schien den Prüfern, die freilich von der breiten öffentlichwissenschaftlichen Diskussion in den westlichen Ländern kaum eine Ahnung hatten, auf der Hand zu liegen. Als Strauß am 15. Oktober aus dem Urlaub zurückkehrte, saß schon eine ganze Arbeitsgruppe an dem Fall.

Kaum war Strauß da, wurde die Sache enorm beschleunigt – wahrscheinlich auch unter dem Schock der Kuba-Krise. Am selben Tag hatte eine amerikanische U2 die sowjetischen Raketenbasen auf der Karibik-Insel photographiert. Drei Tage später wurde die Bundeswehr, wie alle Nato-Einheiten, in Alarmbereitschaft versetzt. Plötzlich hatten Strauß und seine Leute die Vorstellung eines riesigen Komplotts. Schmückle behauptet heute, General Gehlen, der Chef des BND, habe Strauß (und wohl auch Adenauer) die Großaktion gegen den Spiegel empfohlen: Augstein besitze geheimste Unterlagen der Nato; gleichzeitig befinde sich in der Redaktion eine kommunistische Spionagezelle. An diesem Tage auch, dem 18. Oktober, setzte Strauß Kanzler Adenauer ins Bild,

Bereits am 19. Oktober ging ein 25seitiges „vorläufiges Gutachten“ nach Karlsruhe ab, des Inhalts, von 41 in Ahlers’ Artikel enthaltenen Staatsgeheimnissen seien lediglich 24 irgendwo sonst schon publiziert worden. (Später haben Spiegel-Redakteure – nach monatelanger Arbeit – 2315 öffentlich zugängliche Belege für die „Fallex“-Geschichte gefunden.) Die unzulängliche, provisorische Unterlage genügte den Bundesanwälten.

Im Verteidigungsministerium fand man indes, man müsse die Karlsruher zum energischen Durchgreifen anhalten. Schon am 20. Oktober erschien Staatssekretär Volkmar Hopf, den Strauß zum Herrn des Verfahrens gemacht hatte, bei der Bundesanwaltschaft, vorgeblich nur, um ihr zu versichern, man möge doch ohne Ansehn der Person im Verteidigungsministerium nach den Informanten suchen, tatsächlich aber, um die Bundesfahnder weltpolitisch einzustimmen. Er zeichnete ein Horrorbild, vor dem die Bundesanwälte, ganz Respekt vor der Obrigkeit, erschauerten: Die Verbündeten, an ihrer Spitze US-Verteidigungsminister McNamara und General Taylor, hätten sich in Bonn über den Spiegel- Artikel beschwert und für den Wiederholungsfall Konsequenzen angedroht. Vertrauenswürdigkeit und Bündnisfähigkeit der Bundesrepublik stünden auf dem Spiel.

Zwei Tage später fuhren zwei Generäle nach Karlsruhe, um Einzelheiten des Unternehmens, zu besprechen. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) begann schon Tage vor der Aktion in Hamburg, Pressehaus und Wohnungen von Redakteuren zu überwachen; unverkennbar hörten die Observanten auch Telephone ab (damals formal noch unter alliierter Regie). Die letzte Einsatzbesprechung in Hamburg fand nicht etwa im Polizeipräsidium statt, sondern in der Standortkommandantur der Bundeswehr.

Am 23. Oktober erließ der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof die Haftbefehle gegen Augstein und Ahlers. Aber trotz des schwerwiegenden Verdachts und trotz der Kuba-Krise – noch hielten die russischen Raketenfrachter Kurs auf den amerikanischen Blockadering, und in den Kirchen wurde für den Weltfrieden gebetet – gingen bis zur Vollstreckung drei Tage ins Land. Warum? Angeblich konnten die militärischen Spitzel die beiden „Landesverräter“ nicht ausfindig machen. Näher lag der Verdacht, die heimlichen Helfer der Bundesanwaltschaft hätten den Termin für die Aktion absichtlich hinausgezögert, bis der Bundestag in der Schlußdebatte über den FIBAG-Skandal am 25. Oktober 1962 Strauß vom Vorwurf eines dienstlichen Vergehens freisprechen konnte. Damit schien auch der letzte Anhaltspunkt für einen persönlichen Racheakt des Ministers ausgeschlossen.

Am 24. Oktober jedoch – auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise – hatte sich Strauß bei einem Empfang des Bundespräsidenten auf Schloß Brühl (wie er selber sagt, „in einem Zustand der Übermüdung und allgemeinen physischen Belastung“, wie Augenzeugen berichteten, im Zustand der Trunkenheit) mit einigen SPD-Abgeordneten angelegt, weil sie mit dem Spiegel gemeine Sache machten. Einige wollten, was Oberst Schmückle später als mißverstandene ironische Äußerungen abtat, von Strauß gehört haben, man müsse Bundestagsvizepräsident Carlo Schmid einsperren, Innensenator Helmut Schmidt ins Zuchthaus stecken und den Abgeordneten Gerhard Jahn (der ihm im FIBAG-Ausschuß so zugesetzt hatte) aufhängen lassen. Überdies soll er angedroht haben, dem Spiegel gehe es bald an den Kragen. Vielleicht war dieser Zwischenfall der Grund, warum Adenauer dem Minister den guten Rat gab, nach ein Uhr nachts nichts mehr zu trinken, weil man sonst Dinge sage, „die sich herumsprechen und die man später bereut“.

Was dem allgegenwärtigen Spiegel von den Drohungen zu Ohren kam, wird ihn nicht weiter überrascht haben. Seit dem 18. Oktober wußte man im Hamburger Pressehaus, daß etwas im Busche war – irgend jemand aus dem Verteidigungsminsterium hatte Conrad Ahlers einen Wink gegeben. In der Redaktion fing man jetzt an, sich erst einmal über die rechtlichen Konsequenzen des publizistischen Landesverrats zu informieren. Ahlers hielt es für geraten, seine Notizen und Unterlagen für den „Fallex“-Artikel in einem Kuvert zu verschließen und einer Mitarbeiterin in Verwahrung zu geben. Er rechnete damit, daß eines Tages ein Richter ihn zu einer Vernehmung bitten würde. Niemand konnte sich eine großangelegte Polizeiaktion gegen ein Presseunternehmen vorstellen.

Der Coup der Bundesanwaltschaft kam deshalb so überraschend, weil der Kreis der Mitwisser so klein wie möglich gehalten wurde. Weder der Bundesnachrichtendienst (dessen Beziehungen zum Spiegel man kannte) noch der Bundesverfassungsschutz oder das Bundespresseamt wurden eingeschaltet, auch nicht die örtliche Polizei. Der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt wurde erst eine halbe Stunde vor Beginn informiert.

Empörung der FDP

Derjenige in Deutschland, der als Dienstherr der Bundesanwaltschaft eigentlich als erster alles hätte erfahren müssen, nämlich Bundesjustizminister Wolfgang Stammberger (FDP), las die Nachricht in der Morgenzeitung. Da auch Willi Weyer (FDP), der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, über die Aktion der Bundesanwaltschaft in Bonn nicht unterrichtet worden war, mußten die Freien Demokraten annehmen, sie sollten in verantwortlichen und zuständigen Positionen systematisch ausgeschaltet werden.

Für den mit Augstein befreundeten stellvertretenden Fraktionschef Wolfgang Döring gab es da überhaupt keinen Zweifel. Trotzdem hielten sich die führenden FDP-Politiker mit kritischen Äußerungen zurück. Der Vorwurf des Landesverrats wog schwer. Ehemalige Frontoffiziere wie Mende, Kühlmann-Stumm, Scheel, Weyer, Zoglmann, auch Döring selber, mochten ihn angesichts der Kuba-Krise nicht auf die leichte Schulter nehmen. Unbedingt sollte aber, darüber war man sich einig, der Verantwortliche für die Nichtunterrichtung des Justizministers Stammberger zur Rechenschaft gezogen werden. Der Parteivorsitzende Erich Mende versuchte jedoch, eine Regierungskrise zu vermeiden. Adenauer sollte keine Gelegenheit erhalten, auf Kosten der FDP die Koalition für beendet zu erklären.

Das hinderte Justizminister Stammberger, der bereits drei Tage nach der Aktion im Kabinett gegen seine Desavouierung protestiert hatte, natürlich nicht, am 31. Oktober zu erklären, er trete zurück, weil er nicht die Verantwortung für das Vorgehen der Justizbehörden übernehmen könne. Ihm sei lediglich am 24. Oktober bekannt geworden, daß die Bundesanwaltschaft ein Gutachten angefordert hatte (schon davon durfte er eigentlich nichts wissen, dieses Schreiben war versehentlich in seiner Post gelandet!).

Bundeskanzler Adenauer erbat sich Bedenkzeit bis zum 2. November, um über das Rücktrittsgesuch zu entscheiden. Doch schon am Abend dieses 31. Oktober sucht Volkmar Hopf, der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, nach einem Gespräch im Bundeskanzleramt den Bundesvorstand der FDP auf. Er übernimmt dort die volle Verantwortung dafür, daß der Justizminister nicht unterrichtet worden sei – wohl aber dessen Staatssekretär Walter Strauß.

Eine Verschwörung der Staatssekretäre? Das schien unglaublich. Walter Strauß, wie Hopf ein vorzüglicher Beamter preußischer Schule, schon seit 1949 als Staatssekretär im Justizministerium tätig, unter nunmehr fünf Justizministern als loyaler, zuverlässiger, diskreter Mitarbeiter bekannt, sollte seinem Dienstherrn alles verschwiegen haben? Tatsächlich, so war es. Walter Strauß gab zu, er sei am 24. Oktober 1962 von Hopf über die Ermittlungen informiert worden und habe die Auflage bekommen, seinen Minister nicht zu unterrichten. Für den Staatssekretär war es keine leichte Aufgabe, saß er doch am nächsten Tag während der FIBAG-Debatte über Stunden an der Seite Stammbergers, ohne ihm ein Wort sagen zu dürfen.

In der FDP war man empört und erfreut zugleich. Empört, weil zwei Staatssekretäre einen Minister der Freien Demokraten ausgespielt hatten, der, wie BND-Chef Gehlen verbreiten ließ, durch Dossiers des Spiegel erpreßbar und daher unzuverlässig schien. Erfreut, weil der Ausweg aus der sich abzeichnenden Regierungskrise so einfach war: Beide Staatssekretäre müßten selbstverständlich ihren Hut nehmen. Noch fragte kaum jemand in der Partei, wer ihnen denn die Aufträge gegeben hatte. Sicherlich, es war merkwürdig, daß die Besprechung zwischen Hopf und Walter Strauß im Verteidigungsministerium stattgefunden hatte – aber noch war nicht die Rede davon, daß Verteidigungsminister Franz Josef Strauß während dieser Unterredung „die meiste Zeit über anwesend“ war.

Für neue Verwirrung in der FDP sorgte noch am späten Abend des 31. Oktober eine dpa-Eilmeldung, wonach in den nächsten Tagen zwei hohe Offiziere der Bundeswehr, aber auch die Bundestagsabgeordneten Döring (FDP) und Jahn (SPD) wegen Landesverrats verhaftet würden. Wer diese Meldung lanciert hatte, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Tatsächlich wurden ja bald darauf zwei Obersten in Haft genommen. Gerhard Jahn zog es vor, die Verdachtsmomente weder zu dementieren noch zu bestätigen – er wußte bereits, daß die Bundesanwaltschaft im Bonner Spiegel- Büro eine von ihm weitergegebene Verschlußsache aus dem Verteidigungsausschuß gefunden hatte. Auch in diesem Protokoll ging esum Strauß.

Döring jedoch dementierte binnen einer halben Stunde und kündigte einen Strafantrag wegen Verleumdung an. Er fühlte sich von jedem Verdacht des Landesverrats frei. Viel mehr beunruhigte ihn der Gedanke, es könnten der Bundesanwaltschaft in Hamburg Unterlagen über gewisse Parteispenden in die Hände fallen. Ohnehin stand er als Freund Augsteins und wegen seiner Verbindungen zum BND in vorderster Schußlinie. Als er einmal für eine halbe Stunde nicht zu erreichen war, befürchtete man in Bonn bereits, auch er sei verhaftet worden.

Da sich Adenauer am 2. November in einem Brief an den FDP-Parteivorsitzenden Mende weigerte, die beiden Staatssekretäre Hopf und Strauß zu entlassen, drängte Döring wegen dieser Demütigung der Partei, schon jetzt den Bundeskanzler und seinen Verteidigungsminister zur Verantwortung zu ziehen. Er hoffte, bei einem Sturz der Regierung auf diese Weise auch Erich Mende als Parteivorsitzenden ablösen und selber dessen Platz einnehmen zu können. Aber nur eine Minderheit folgte ihm.

Die Mehrheit von Vorstand und Fraktion beschloß an diesem 2. November lediglich, ultimativ auf dem Rücktritt der Staatssekretäre zu bestehen. Die anderen vier FDP-Minister (Scheel, Mischnick, Starke, Lenz) unterschrieben ebenfalls ihre Rücktrittserklärungen und legten sie im Panzerschrank ab.

Adenauer lenkte am 5. November ein: Hopf wurde beurlaubt, Walter Strauß von seinem Amt entbunden. Stammberger zog seine Rücktrittserklärung zurück, die Koalition konnte fortgesetzt werden. Die ZEIT empörte sich damals: „Wir glauben, daß die FDP mit der Regierungsverantwortung Schindluder getrieben hat.“

Der Bundeskanzler hatte keine Bedenken, seinen Staatssekretär und engen Vertrauten Hans Globke am 7. November zu einem Erholungsurlaub in die Schweiz zu schicken. Die Spiegel-Affäre schien beendet.

Stunde des Parlaments

Aber es kam anders, Zuviel war unter den Tisch gekehrt geworden. Insistierende Fragen der Opposition, aber auch eines FDP-Außenseiters scheuchten die Bundesregierung aus ihrer Ruhe auf. Stück um Stück mußten sich Innenminister Hermann Höcherl (CSU) und Verteidigungsminister Strauß die Wahrheit über einen Vorgang, entreißen lassen, den sie gern vertuscht hätten: die widerrechtliche Festnahme des Redakteurs Ahlers in Spanien. Diese Fragestunden vom 7. bis zum 9. November 1962 haben Parlamentsgeschichte gemacht.

Es war ein klägliches Schauspiel, das die Regierung bot. Tagelang schoben die betroffenen Ressorts (Verteidigung, Innen, Justiz und Auswärtiges Amt) die Verantwortung wie einen Schwarzen Peter hin und her, bis er schließlich bei Franz Josef Strauß hängenblieb. Am 9. November mußte er endlich, wenn auch verklausuliert, vor dem atemlos lauschenden Bundestag zugeben, daß niemand anders als er selber in der Nacht vom 26. zum 27. Oktober ein Telephongespräch mit dem Militärattache in Madrid, Oberst Achim Oster, geführt hatte, um Ahlers dingfest zu machen. Niemand hatte ihn dazu ermächtigt noch darum gebeten.

Oster, Sohn eines Widerstandskämpfers, Strauß-„Spezi“ aus CSU-Gründungszeiten und Freund von Conrad Ahlers, kannte den Aufenthaltsort des Spiegel-Redakteurs. Strauß gab ihm, „auch im Namen des Kanzlers“, den dienstlichen Befehl, sofort etwas zu unternehmen. Es sei besonders wichtig, den Informanten Ahlers zu finden, weil Augstein bereits nach Kuba geflohen sei. (Ahlers erinnerte sich später, daß er sich am Tag zuvor von Malaga aus telephonisch bei Chefredakteur Jacobi erkundigt hatte, ob man ihn wegen der Kuba-Krise in Hamburg brauche: „Soll ich meine Koffer packen?“ Jacobi antwortete: „Das ist nicht nötig, Rudolf hat schon etwas gemacht.“ Offensichtlich hatte da der unerwünschte Mithörer etwas falsch verstanden.)

Strauß schmückte die Situation drastisch aus: schwerer Schlag für die Sicherheit der Bundesrepublik und der Nato, zwölf Offiziere würden festgesetzt. Als Oberst Oster seinerseits einen Mann der Botschaft verständigte, hatte sich die Geschichte noch mehr ausgeweitet: alle Spiegel-Verantwortlichen seien Landesverräter, Nato-Pläne verraten, der ganze Spiegel beschlagnahmt, Offiziere bestochen. Vor der Polizei des halbfaschistischen Franco-Regimes sprach Oster dann sehr überzeugend von „kommunistischer Organisation“, „gemeiner, strafbarer Handlung“, „Kriegsgefahr“, „Flucht nach Kuba“ und auch von der geplanten Weiterreise Ahlers’ nach Marokko. (Dazu Adenauer im Bundestag: „Holen Sie bitte mal einen aus Tanger raus!“)

Strauß hatte die Befehlsempfänger in Madrid wissen lassen, ein Haftbefehl sei bereits unterwegs. Kein Wort davon stimmte. Interpol durfte bei politischen Vergehen gar nicht eingeschaltet werden. Eine Auslieferung wäre nur bei kriminellen Delikten möglich gewesen; und ein deutscher Haftbefehl hätte gar nicht in Spanien vollstreckt werden können. (Ahlers kehrte „freiwillig“ zurück.)

Es war erschreckend, mit welcher Lässigkeit sich die Verantwortlichen auch noch in der Fragestunde über rechtsstaatliche Prinzipien hinwegsetzten. Innenminister Höcherl prägte für das Vorgehen einiger Beamter das geflügelte Wort „etwas außerhalb der Legalität“. Der Bundeskanzler scheute sich nicht, in ein schwebendes Verfahren einzugreifen und Augstein im vorab zu verurteilen. Er sah einen „Abgrund von Landesverrat im Lande“ (wohl eine Auswirkung Gehlenscher Phantasien), warf dem Spiegel vor, er habe „systematisch, um Geld zu verdienen, Landesverrat getrieben“, versuchte, die Abonnenten und die Inserenten des Magazins einzuschüchtern, meinte schließlich, die Kritik der SPD (CDU-Zuruf: „Spiegel-Partei“) an den „Verfahrensfehlern“ schade der deutschen Sache in der ganzen Welt.

Da hielt es den FDP-Abgeordneten Döring nicht mehr länger auf seinem Sitz – ohne Rücksicht auf die Koalition rügte er die Äußerungen des Kanzlers: Dagegen zu protestieren sei er nicht nur seinem Freund, sondern auch dem Staatsbürger Augstein und allen anderen schuldig. Es dürfe auch vor dem Ausland nicht die Spur eines Verdachts hängenbleiben, daß nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

FDP-Chef Mende rührte keine Hand zum Beifall für seinen Rivalen.

Nach diesen Parlamentssitzungen war die Spiegel-Affäre unversehens zur Strauß-Affäre geworden. Der Tübinger Politologe Theodor Eschenburg brandmarkte öffentlich das Verhalten des Ministers, der dem Parlament auf dessen Fragen „keine, falsche, höchst unvollständige oder schuldhaft verspätete Antworten“ gegeben habe, als „ein schweres Vergehen gegen die parlamentarische Ordnung“, das exemplarisch geahndet werden müsse.

Das Landgericht in Bonn hat später dem Minister Strauß bescheinigt, er habe durch sein Vorgehen in jener Nacht den objektiven Tatbestand der Amtsanmaßung und der Freiheitsberaubung verwirklicht. Dennoch wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt, da das Gericht ihm einen Irrtum zugute hielt, zumal Staatssekretär Hopf, immer noch der treue Diener seines Ministers, die Aussage verweigert hatte.

BND im Zwielicht

Noch ein anderer in Bonn einflußreicher Mann ging aus der Affäre in diesen Tagen arg lädiert hervor: General Gehlen. Am 12. November 1962 ersuchte Bundeskanzler Adenauer den Bundesjustizminister Stammberger (nach dessen eigener Aussage), er solle den BND-Chef, der sich im Nebenzimmer aufhalte, auf der Stelle verhaften. Gehlen habe seinen in Hamburg residierenden Untergegebenen, Oberst Adolf Wicht, über die geplante Polizeiaktion informiert, und Wicht habe dann den Spiegel gewarnt. Auf den Einwand Stammbergers und des Bundesanwalts Kuhn, ohne harte Beweise lasse sich kein Haftbefehl ausstellen, gab Adenauer die denkwürdige Antwort: „Ich bin auch einmal Staatsanwalt gewesen. Früher war das aber ganz anders.“

Die Vernehmungen von Gehlen und seinen engsten Mitarbeitern befreite den Bundesnachrichtendienst von dem häßlichen Verdacht. Auch der bereits verhaftete Oberst Wicht mußte wieder freigelassen werden. Dennoch wird bis heute immer wieder die Legende aufgewärmt, Gehlen habe dem Spiegel eine Warnung zukommen lassen, so daß dieser Beweismaterial beiseite schaffen konnte.

Wie war es wirklich? Gehlen hatte Oberst Wicht ins Hamburger Pressehaus geschickt, um seinem Weltkriegskameraden Foertsch zuliebe im voraus Einzelheiten aus dem Artikel über den Generalinspekteur zu erfahren. Wicht kam nicht mit dem erhofften Manuskript zurück, sondern mit dreizehn Einzelfragen des Autors Ahlers, die vom Presseoffizier des BND beantwortet wurden. Als Verlagsdirektor Becker, der Kontaktmann des Spiegel, am 16. Oktober bei einem zufälligen Zusammentreffen Wicht erzählte, daß Conrad Ahlers von Ermittlungen gehört habe, erkundigte sich Wicht bei seiner Zentrale in Pullach. Es hat also der Spiegel den BND gewarnt, nicht umgekehrt. Strauß hat Gehlen anscheinend erst zwei Tage späten verständigt (vermutlich, well Gehlen ihn gefragt hatte), und der General hat dann die Aktion befürwortet (vielleicht nur zum Selbstschutz?).

An diesem 18. Oktober kam Wicht eigens ins Pressehaus, um das Ermittlungsverfahren zu bestätigen. Becker fertigte, wie es seine Art war, am Ende des Tages eine Notiz über das Gespräch an – sie steht mitten zwischen chronologisch geordneten Vermerken über andere geschäftliche Besprechungen und Telephonate, unter dem Rubrum: „Vorsprache Wicht“.

Als die Bundesanwälte diesen Vermerk entdeckten, schien für Adenauer und Strauß die Sache sonnenklar: Gehlen war ihnen in den Rücken gefallen. Auch er fügte sich nun in die Komplott-Theorie ein. (Jeder, auch der Spiegel, glaubte damals an Verschwörungen.) Hatte nicht Gehlens Vertrauter im Verteidigungsministerium, General Gerhard Wessel, als einziger von der Aktion abgeraten? Gab es nicht Kompetenzstreitigkeiten zwischen MAD und BND? Hatte nicht Wolfgang Döring im Bundestag angedeutet, ein Geheimdienst arbeite für, der andere gegen den Spiegelf Womöglich wollte der Bundesnachrichtendienst Strauß stürzen?

Gehlen hat in dem nach seinem Tod erschienenen Buch „Verschlußsache“ noch einmal versucht, die Spuren der Verbindung zwischen BND und Spiegel zu verwischen. Er kommt auf die abstruse Idee, Beckers Tagebucheintrag sei ein „Trick“ gewesen, um den BND in die Affäre zu verwickeln. Außerdem behauptet er, ohne den geringsten Beweis, Helmut Schmidt habe den Spiegel gewarnt. Die CSU war sich nicht zu schade, diese Behauptung 1980 im Wahlkampf gegen den Bundeskanzler ins Feld zu führen.

Die Koalitionskrise

Nach den dramatischen Ereignissen in Bonn ging die FDP, gestärkt durch ein gutes Wahlergebnis in Hessen (plus zwei Prozent der Stimmen) doch auf Kollisionskurs. Warum? Erneut hatte Adenauer die Freien Demokraten provoziert. Am 12. November verkündete er, Staatssekretär Hopf solle nach längerem Krankenhausaufenthalt wieder in sein Amt zurückkehren. Außerdem beschloß die SPD einen Tag später, im Parlament einen Antrag einzubringen, durch den der Kanzler aufgefordert werden sollte, Franz Josef Strauß zu entlassen. Dieser indirekte Mißtrauensantrag wurde zum Sprengsatz für die Koalition.

Wie sollte sich jetzt die FDP verhalten? Blieb sie an der Seite der Union und Strauß im Amt, riskierte sie, die „Hüterin des Rechtsstaats“, unglaubwürdig zu werden. Votierte sie aber mit der SPD gegen Strauß, so zerbrach das Regierungsbündnis.

Adenauer, der nun vor der unerfreulichen Alternative stand, dem Druck der auf Strauß eingeschworenen CSU oder dem der FDP nachzugeben und so oder so ein Minderheitskabinett bilden zu müssen, übertrug Sonderminister Heinrich Krone, einem Mann seines besonderen Vertrauens, die Aufgabe, zu vermitteln. Er strich ihn deshalb eigens von der Liste der Politiker, die ihn bei seiner bevorstehenden Reise in die USA begleiten sollten. Doch Krone scheiterte.

Die Freien Demokraten setzten sich jetzt an die Spitze des Widerstandes gegen Franz Josef Strauß. Am 16. November erklärte Erich Mende, eine weitere Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsminister im Kabinett sei unmöglich. Wolfgang Döring drohte, wenn Strauß nicht gehe, werde die FDP die Koalition verlassen: „Wir stellen die Frage Adenauer noch nicht, um die Verwirrung nicht zu vergrößern. Wir machen einen Schritt nach dem anderen.“ Damit war auch Adenauer zur Disposition gestellt.

Für die CDU hatte die FDP nun ihr Konto überzogen. Zwar fanden auch führende Politiker der Union das Verhalten von Strauß skandalös, sein Gespinst aus Halbwahrheiten, Ausflüchten und Lügen unerträglich. CDU-Fraktionschef Heinrich von Brentano mochte nicht begreifen, warum Strauß seine Beteiligung immer nur stückweise zugab; Vizekanzler Ludwig Erhard forderte, daß „alle Karten auf den Tisch“ gelegt, ein neuer Regierungsstil eingeführt werden müsse; Außenminister Gerhard Schröder bemerkte vieldeutig, bei Strauß müsse man mit jeder Überraschung rechnen; der geschäftsführende CDU-Vorsitzende Josef Hermann Dufhues schließlich bat die FDP sogar, sie möge unbedingt auf einer Ablehnung von Strauß bestehen! Nur durfte um Himmels willen Adenauer nicht, darin war sich die Parteispitze einig, über diese dubiose Affäre stürzen.

Der Kanzler selber, der vorzeitig aus den USA zurückkehrte, erfuhr am 17. November, daß die FDP von Bord gehen wolle. Obwohl auch er sich jetzt ebenfalls sehr kritisch über Strauß äußerte, lehnte er dessen Entlassung so kurz vor der bayerischen Landtagswahl ab. Zwei Tage danach beschloß die FDP im Marmorsaal des Nürnberger „Grand Hotel“, die Rücktrittsgesuche der fünf Minister aus dem Panzerschrank zu holen. Der äußere Rahmen war stimmungsvoll. Im Hintergrund hing ein Wandbild mit der Venusbergszene aus dem „Tannhäuser“, draußen forderten Demonstranten die FDP auf, im Kampf gegen Strauß nicht umzufallen. Die Erinnerung an das Umfall-Trauma erleichterte die Entscheidung. Von nun an – und daran hat die FDP tatsächlich bis heute festgehalten – würden liberale Minister niemals mehr neben Strauß auf der Regierungsbank sitzen.

Die CSU reagierte rasch. Sie konzentrierte den Wahlkampf in Bayern ganz auf die FDP. Zwei neue Slogans wurden eingeführt: „Verrat oder Sicherheit: CSU“ (die Vorliebe für antithetische Wahlsprüche sollte der Partei erhalten bleiben) sowie „Chruschtschow, Ulbricht, Wehner und Mende reichen sich im Geist die Hände“. Strauß tönte im Wahlkampf, alles sei eine aus dem Osten gesteuerte Verschwörung gegen ihn, er kenne das schon seit sechs Jahren. Am 18. November gab er bekannt: „Ich bleibe Verteidigungsminister. Eine andere Entwicklung kann ich mir nicht vorstellen.“

Zwei Tage später sah er sich genötigt, umzudenken: Am 20. November traten auch die Minister der CDU/CSU zurück, damit Adenauer freie Hand erhielt. Die Verlautbarung der Union enthielt eine deutliche Spitze gegen die FDP: „Der Vorstand der Fraktion der CDU/CSU stellt fest, daß die Verantwortung für die gegenwärtige Regierungskrise ausschließlich bei der FDP liegt, die aus wahltaktischen und propagandistischen Gründen die Gefahr einer schweren Krise heraufbeschworen hat, für die kein Anlaß gegeben ist. Die FDP hat durch ihren Beschluß die Koalition einseitig aufgelöst.“

Bis zur Landtagswahl in Bayern am 25. November fiel keine Entscheidung mehr. Strauß berief sich plötzlich auf eine Handlungsvollmacht des Bundeskanzlers, als sich herausstellte, daß er tatsächlich die Nichtunterrichtung Stammbergers in der Spiegel-Affäre angeordnet hatte, Adenauer jedoch versicherte Stammberger, Strauß niemals eine solche Weisung erteilt zu haben! General Schmückle glaubt bis heute an eine „Gedächtnisschwäche“ des Kanzlers.

Die Landtagswahl in Bayern brachte ein überraschendes Ergebnis. Trotz oder gerade wegen der Angriffe auf ihren Parteivorsitzenden Strauß errang die CSU zum erstenmal die absolute Mehrheit! Die FDP stagnierte und schaffte eben noch den Einzug ins Maximilianeum, so daß ihre Position in Bonn geschwächt war.

Doch jetzt, nach seinem Wahltriumph, war es Strauß, der den Bogen überspannte. In der Fraktionssitzung der CDU/CSU am 29. November versuchte er Kanzler Adenauer die Hauptverantwortung für die Spiegel-Affäre in die Schuhe zu schieben. Um den Kanzler vor der Fraktion beschuldigen zu können, hatte er sich für die von Adenauer geleitete gleichzeitige Kabinettssitzung krank gemeldet. Offensichtlich mochte er den Kanzler nicht in dessen Gegenwart belasten.

Auf die Fraktion wirkte dieses plumpe Manöver ausgesprochen peinlich. Nachdem dann Adenauer selber sein Machtwort gegen Strauß gesprochen hatte, verabschiedete die Fraktion eine Erklärung, in der es hieß: „Der Bundeskanzler hat im Einzelfall keine Weisung erteilt. Das gilt auch für die Frage der Nichtunterrichtung des Justizministers.“ Für Strauß war das mehr als eine Bloßstellung – es war ein Abschiedsbrief.

Einen Tag später erklärte Strauß, er beabsichtige nicht, einem neuen Kabinett anzugehören. Entschuldigt für seine Mißgriffe in der Affäre hatte er sich auf seine Weise: Wenn Fehler unterlaufen seien, so bedauerte er sie.

Die FDP begehrte nun lediglich noch, um die Koalition fortsetzen zu können, Adenauer möge seinen Rücktrittstermin definitiv festlegen und beantragte, Bundestagspräsident Gerstenmaier solle schon jetzt (!) auf die Tagesordnung des Bundestages vom 5. Oktober 1963 die Kanzlerwahl setzen.

Hatte Adenauer eine Alternative? Er glaubte daran. Was sich nun zwischen dem 30. November und dem 6. Dezember 1962 in Bonn und Berlin abspielte, war sensationell: Adenauer ließ, allen Dementis zum Trotz, mit der SPD über eine Koaliton verhandeln. In aller Stille trafen sich Wohnungsbauminister Paul Lücke (CDU) und der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner. Als zweiter Verbindungsmann Adenauers fungierte – hinter dem Rücken von Strauß – der CSU-Abgeordnete Baron Guttenberg. Mit Wehner verband Adenauer eine tiefe Antipathie gegen die FDP. Rasch einigte man sich deshalb auf ein Mehrheitswahlrecht, um die lästigen liberalen Störenfriede loszuwerden.

Aber noch aus einem anderen Grund war Adenauer bereit, diesen Sündenfall wider den christdemokratischen Geist zu begehen und mit einer Partei zu paktieren, die er jahrelang als staatsgefährdend gebrandmarkt hatte: Er hoffte dadurch, von der unbequemen zeitlichen Begrenzung seiner Amtszeit loskommen und seine Kanzlerschaft verlängern zu können.

Wehner war bereit, den mittlerweile so umstrittenen, so unbeliebten Bundeskanzler Adenauer weiter amtieren zu lassen – ungeachtet der zu erwartenden Empörung. Erst in drei Jahren würde wieder gewählt – und bis dahin mußte die SPD endlich an der Macht teilhaben.

Beide Politiker unterschätzten aber den Widerstand in ihren Parteien. Vor allem Wehner, der Zuchtmeister, täuschte sich über die sozialdemokratische Bundestagsfraktion. Sie beschloß am 5. Dezember 1962 bei 12 Gegenstimmen (unter anderem Wehner und Annemarie Renger) und 4 Enthaltungen, bei den Verhandlungen mit der CDU alle personellen Fragen anzusprechen.

SPD-Sprecher Franz Barsig erläuterte Journalisten streng vertraulich, was damit gemeint war: In seiner Partei gebe es massiven Widerstand gegen eine Fortsetzung der Kanzlerschaft Adenauers. Um 19 Uhr 33, nur wenige Minuten nach diesem Gespräch, tippte jemand im Bonner dpa-Büro eine entsprechende Meldung in die Fernschreiber. Adenauer reagierte sofort. Er ließ das für den nächsten Morgen anberaumte Koalitionsgespräch zwischen CDU und SPD absagen – und einigte sich mit der FDP.

Der Nachklang

Die Bedeutung der Spiegel- Affäre ist seinerzeit entweder weit überschätzt oder in ihren Dimensionen gar nicht erkannt worden. Aus dem Abstand von zwanzig Jahren will es scheinen, als habe es gar keinen Sturm gegeben, nur ein bißchen Gekräusel an der Wasseroberfläche. Nichts da vom angeblich schwersten Landesverrat in der deutschen Geschichte. Nicht ein einziger der Verhafteten kam vor Gericht. Aber auch die in den Fall verwickelten Politiker und Beamten sind glimpflich davongekommen – ausgenommen der unbeholfene Bundesjustizminister Stammberger, der bei der Regierungsneubildung wie Strauß sein Amt verlor. Schwer enttäuscht von seiner Partei trat er von der FDP zur SPD über.

Bundeskanzler Adenauer hat sich niemals für das Wort vom Landesverrat entschuldigen müssen, gewährte aber Ende 1966, wenige Monate vor seinem Tode, dem hartgeprüften Widersacher Rudolf Augstein die Ehre eines Interviews („Sagen Sie, wie sich die Welt dreht!“). Die beiden Staatssekretäre machten Karriere – Volkmar Hopf wurde Präsident des Bundesrechnungshofs, Walter Strauß Richter am Europäischen Gerichtshof. Die Obersten Schmückle und Oster erhielten Generalssterne. Gehlen durfte sich noch sechs Jahre in den Grauzonen der Politik tummeln.

Nur die Karriere von Franz Josef Strauß bekam einen Knick. Konrad Adenauer verabschiedete den Verteidigungsminister nach dem Großen Zapfenstreich mit den tröstlichen Worten: Er werde „in Zukunft im politischen Leben des deutschen Volkes noch eine große und entscheidende Rolle spielen“. In jener Stunde glaubte niemand daran. Doch nach drei Jahren stand Strauß wieder auf der Rednertribüne des Bundestages – aus dem Militärexperten war ein Wirtschaftsfachmann geworden. 1966 schloß die SPD mit ihm Frieden: Strauß trat als Finanzminister in die Regierung der Großen Koalition ein, und der einst von ihm so hartnäckig verfolgte Conrad Ahlers wurde stellvertretender Regierungssprecher. Zwischen den Streithähnen Augstein und Strauß ist längst alles vergeben und vergessen.

Das Mißtrauen gegen Strauß ist freilich über die Jahre nicht geringer geworden, wurde vielmehr im Bundestagswahlkampf 1980, als er tatsächlich nach der Kanzlerschaft griff, neu entfacht. Unvergessen blieb das Wort, das Theodor Eschenburg 1962 über ihn gesagt hatte: „Es fehlt das Zutrauen zu der rechtsstaatlichen pupillarischen Sicherheit... das eine erwartet man nicht von ihm: den Respekt vor den rechtsstaatlichen Schranken.“ Da ist das rasche politische Comeback dieses Macht- und Kraftmenschen aus Bayern schon allen Staunens wert.

Der Spiegel, noch 1963 von Strauß als die „Gestapo im Deutschland unserer Tage“ apostrophiert, hat die Roßkur ohne Schaden überstanden, abgesehen von etwa zwei Millionen Mark Unkosten. In der Zeit seiner schlimmsten Bedrängnis konnte er seine gedruckte Auflage von fünf- auf sechshunderttausend steigern, und auch danach ging es stetig aufwärts. Doch fand mancher Leser hinterher, das Blatt sei reifer, moderater, unverbindlicher geworden. Augstein, der von allen Verhafteten am längsten sitzen müßte (103 Tage), schrieb den Rückblick auf seine Fehde gegen Strauß noch aus der Untersuchungshaft: „Ich schuldete dem Land diesen Dienst“, um dann selber die Bedeutung der Affäre für die deutsche Politik zu relativieren: „Habt keine Angst vor uns. Niemand von uns ist Carl von Ossietzky, niemand Hauptmann Dreyfus, niemand, leider, Emile Zola.“

Es wäre sicherlich für das Gemeinwesen und die Politik besser gewesen, wenn Strauß nicht über Verfahrensfehler und unzulässige Methoden gestürzt wäre, sondern wegen seiner Verteidigungspolitik. Aber die notwendige Debatte über die Atomstrategie blieb aus – die Gefahr der atomaren Vernichtung wurde aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt und erst zwei Jahrzehnte später von der Friedensbewegung neu beschworen.

Änderte sich also an der politischen Landschaft oberflächlich kaum etwas, so ist doch die Tiefenwirkung dieser Krise erheblich gewesen – sie währt bis heute. Die Spiegel-Affäre war wie ein reinigendes Gewitter in einem stickigen Klima. Es hätte sich auch aus anderem Grunde entladen können. Jene Krise ist überhaupt nur noch zu verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, welches Mißtrauen damals der Regierung des alten Adenauer entgegengebracht wurde. Der Kanzler hatte sich dem Tiefpunkt seiner Popularität genähert. Ihm glitten in den Novembertagen 1962 die Zügel aus der Hand – er regierte sozusagen neben der öffentlichen Meinung her.

Presse und Parlament erfüllten ihr Wächteramt in der Demokratie, wiesen eine übermütig und läßlich gewordene, zu Übergriffen und Eingriffen neigende Exekutive in ihre gesetzlichen Schranken. Der Staat entdeckte überrascht, daß seine Bürger mündig geworden waren. Denn die besonderen Begleitumstände der Affäre, so schrieb der Publizist Paul Sethe, „waren nur möglich, weil einige mächtige Leute uns noch immer für ein Volk von geborenen Untertanen ansehen“. Die junge Demokratie hatte ihre erste Bewährungsprobe bestanden.

Für die Öffentlichkeit brachte die Affäre im nachhinein noch ein positives Nebenresultat: Die Rechtsunsicherheit beim Umgang mit Staatsgeheimnissen verschwand weitgehend, alte Zöpfe wurden verbrannt (siehe Hans Schueler, Was ist heute noch geheim?, Seite 18).

Auch für die Parteiengeschichte der Bundesrepublik ist die Spiegel-Affäre ein Markstein geworden. Seit Adenauers Techtelmechtel mit der SPD gilt der Konsens, daß jede der drei Parteien im Bundestag füreinander koalitionsfähig sein muß. Die Große Koalition von 1966 und die sozial-liberale von 1969 sind in der Idee schon 1962 geboren worden. Seither leben wir wirklich in einer anderen Republik.

Diese Veränderung ging einher mit einem Generationenwechsel. Die ältere Generation der Politiker und Beamten um Adenauer, großgeworden in den Kategorien des wilhelminischen Obrigkeitsstaates, wurde verdrängt von der Generation der Frontkämpfer, den kalten Technikern der Macht, den „Machern“, Männern wie Döring (der schon Anfang 1963 vom Tod ereilt wurde), Mende, Schmidt – eigentlich zählte auch Strauß zu ihnen, nur war er zu früh an die Schalthebel der Macht gelangt.

Aber auch diese 40- bis 50jährigen Politiker waren zum Teil noch befangen in autoritären Denkstrukturen. Unheimlich blieb ihnen die nachdrängende junge Generation, die sich in den Demonstrationen erstmals zu Wort gemeldet hatte und schon die Apo-Revolte von 68 ankündigte – wie ein Fremdkörper in einer weithin entpolitisierten und entideologisierten Gesellschaft.

Bei einem alten Herrn wie dem konservativen Historiker Gerhard Ritter mochte es ja nicht verwundern, daß „die lümmelhafte Demonstration von Halbstarken vor dem Gefängnis des Herrn Augstein“ nicht mehr in sein Weltbild paßte. Befremdlicher aus der Sicht von heute nimmt es sich aus, was genau fünf Monate nach der Spiegel- Afaus, ein Publizist in der Evangelischen Akademie Loccum als seine Bewertung ausgab: So erfreulich der Aufstand der öffentlichen Meinung für die Pressefreiheit gewesen sei, so habe er doch auch bisher verborgene anarchistische, mindestens jedoch staatsfeindliche Tendenzen an die Oberfläche gebracht. Der so sprach, hieß – Conrad Ahlers.