Von Gisela Keuerleber

Margarethe und Hermann, 82 und 85 Jahre alt, haben sich vor vier Jahren kennengelernt. Wie alle Paare erinnern sich die beiden gut und gern an ihre erste Begegnung: Margarethe stand an der Bushaltestelle und konnte den Fahrplan nicht lesen; sie hat ein schweres Augenleiden. Sie schaute sich um, da kam er daher, klein, krummbeinig. "Ob du den fragen kannst?" dachte sie damals.

Sie tat es, wie sie vieles seit dem Tod ihres Mannes zum erstenmal getan hatte, und sprach ihn kurzentschlossen an. Ihre Stimme wird lebendiger: "Da hat er mich am Arm genommen und gesagt, komm Mädel, wir gehen ins Reisebüro, da kriegen wir das ganz genau."

Als sie am Abend wieder ins Hotel zurückkam, wartete schon eine Nachricht auf sie. "Ein älterer Herr war da und hat gefragt, ob die junge Frau schon wieder zurück sei", empfing man sie an der Rezeption. Über die "junge Frau" amüsiert sie sich heute noch, und es erfüllt sie auch ein bißchen mit Stolz, denn sie sieht frisch und durchaus jünger aus.

Nie hätte sie gedacht, daß aus der ganzen Geschichte sich etwas entwickeln würde – aber am nächsten Tag kam Hermann wieder, und sie verabredeten sich zum Schwimmen. Margarethe betont stolz: "Er konnte gut schwimmen – aber nur auf dem Rücken." Nach einiger Zeit kam dann die Einladung nach Bellinzona, wo Hermann ein Zimmer gemietet hat und mehrmals im Jahr hinfährt. Die Frage "Kommste mit nach Bellinzona?" in Hermanns Berliner Akzent war für Margarethe so etwas wie ein Antrag auf eine gemeinsame Zukunft.

Sie sind seitdem oft am Comer See gewesen. Ihre Wohnungen haben die beiden nicht aufgegeben; entweder wohnen sie in Margarethes Haus in der Nähe von Köln, oder sie bleiben auch mal für sich, denn beide haben noch ihren Bekannten- und Verwandtenkreis. Die Umgebung akzeptierte die späte Verbindung der beiden nicht ohne weiteres: "Ist er wieder da?" fragten Nachbarn mit bedeutungsvollem Blick, der die vermeintliche Diskretion Lügen strafte. Die Kinder von Margarethe fanden es richtig und sahen auch den nützlichen Aspekt. "Die beiden können aufeinander aufpassen", meinte der Sohn, als er von dem neuen Familienmitglied erfuhr.

Was hält die beiden zusammen? "Freundschaft und Partnerschaft ist zu wenig", das war für Margarethe sofort klar, während Hermann noch überlegte. "Aber Liebe ist ein wenig zu stark", meinten sie dann, "es schwingt zuviel Leidenschaft mit." "Späte Liebe" gefiel ihnen dann ganz gut; "denn wir haben uns ja gern, und knutschen tun wir ja auch noch", merkte Margarethe am Schluß an.