Ronald Reagan hat vor wenigen Tagen der Sowjetunion einen Weizenberg von 23 Millionen Tonnen zum Verkauf für das nächste Jahr angeboten. Den wahltaktisch wie kommerziell sinnvollen Vorschlag hat er strategisch verbrämt. Für die Sowjets, die in harter Münze zahlen müssen, wäre der Devisenaderlaß zugleich eine politische Schwächung, die sie zu kooperativem Verhalten anstiften könnte.

In Europa ist die neue Weizenzusage mit der sauertöpfischen Reaktion vermerkt worden, Reagan erlaube Amerika, was er im Gas-Röhren-Geschäft den Europäern verbieten wolle. Auch hier wird verständlichem Wirtschaftsinteresse das Mäntelchen strategischer Weitsicht umgelegt: Gerade die Einbindung der Sowjetunion in das langfristige Abkommen werde den Moskauer "Tauben" Aufwind vor den "Falken" geben.

In Wahrheit weiß keiner zu beiden Seiten des Atlantik so recht, welche politischen Wirkungen Sanktionen, Embargos oder ihr Gegenteil auf das Verhalten der sowjetischen Weltmacht haben. Überzeugungen ersetzen analytische Gewißheit. Wohl auch mit Absicht: So lassen sie sich leichter zurechtschneidern, sobald die wirtschaftlichen Interessen es nahelegen. Falls die Arbeitslosigkeit auch in den USA Ronald Reagan demnächst zwingen sollte, die schon verhängten Sanktionen zu verwässern, wird sich dafür gewiß wiederum eine weltpolitische Rechtfertigung finden. cb