Von Witold Bronski

Zu der geistigen Bilanz der anderthalb Jahre andauernden und dann so drakonisch abgebrochenen polnischen Erneuerungsbewegung gehören leider relativ wenig Bücher. Nur die halboffiziellen Verlage waren in der Lage, viele Neuerscheinungen, insbesondere politische Literatur, schnell auf den Markt zu bringen. Die großen staatlichen Verlage haben Produktionszyklen, die – wie es sich wieder erweist – länger sind als die Tauwetterperioden des Systems. So gesehen, hatte Stefan Bratkowski Glück, daß er sein neues Buch:

Stefan Bratkowski: "Nowy Marsyliusz" ("Neuer Marsilius"), Verlag PIW, 1981

veröffentlichen konnte. Möglich war es deswegen, weil das Manuskript schon im März 1978 fertiggestellt war, aber erst in der liberalen Phase nach dem August 1980 herausgebracht werden konnte.

Der Erfolg des Buches war zum großen Teil auf die Person des Autors zurückzuführen. Stefan Bratkowski, Präsident des inzwischen aufgelösten polnischen Journalistenverbandes, ist einer der bedeutendsten Intellektuellen des heutigen Polens. Er gehörte auch zu den Schlüsselfiguren der Erneuerungsbewegung seit dem August 1980 – als Vermittler und Vertrauensmann, der sich immer bemühte, rationale Lösungen der Konflikte zu finden. Bis zum letzten Augenblick versuchte er mäßigend einzuwirken und die Konfrontation zu verhindern. Seine Appelle an die Regierenden und die Gewerkschaftsführer fanden zwar eine große Resonanz im ganzen Land, aber lösten gleichzeitig eine Kampagne der dogmatischen Kräfte gegen Bratkowski aus.

Ohne Zweifel lesen sich seine Ausführungen über die Notwendigkeit der Demokratie, konfrontiert mit der Realität des Kriegszustands, ziemlich utopisch. Aber auch damals, als das Buch geschrieben wurde, also 1977/78, waren die Aussichten auf eine Demokratisierung des Systems keineswegs günstig. Und vieles von dem, was auf. die damalige Situation bezogen war, klingt durchaus aktuell: "Viele von den gegenwärtigen Machteliten, die intelligente Gesellschaften zu regieren haben, verstehen nichts von dem, was sich entwickelt. Sie erwarten von dem Publikum im Theater der Demokratie die gleiche Verehrung wie früher und eine apriorische Zustimmung. Irritiert greifen sie zur Gewalt, im hysterischen Zustand – zur Diktatur. Sie begreifen nicht, daß eine intelligente Gesellschaft, in der Fachleute und Spezialisten dominieren, eine tödliche Waffe besitzt: den Streik der Hirne, den Streik der Halbarbeit, einen ungreifbaren aber zerstörerischen Boykott. Solcher Streik blockiert den Lauf der Maschine, der Wirtschaft und des Staats, den Lauf, der durch die Gewalt und Diktatur beschleunigt werden sollte. Die Maschine hört auf zu funktionieren und niemand, jedenfalls im Kreis der Regierenden, versteht, warum. Der komplizierte Mechanismus der intelligenten Gesellschaft läßt sich nicht mit der Peitsche steuern – es ist so, als ob man einen Computer verprügelte".

Bratkowski plädiert für die Demokratie, weil sie – nach seiner Meinung – die Lebensform der Gesellschaft ist, die den Bedürfnissen der Menschen am meisten entspricht und die größte Chance bietet, die gegenwärtigen Probleme zu lösen. Er sieht zwar die Krise der traditionellen demokratischen Institutionen, aber hält sie für eine lediglich "technologische Krise". Die meisten Instrumente der demokratischen Regierungsformen seien entstanden in den Zeiten, wo die gebildeten Eliten mit einer ungebildeten Masse der Bevölkerung zu tun hatten. Die Technik der Demokratie müsse aus diesem Grunde den neuen Bedingungen der "intelligenten Gesellschaft" angepaßt werden.