Von Jes Rau

Wie sich das wohl alles zusammenreimt, mögen sich viele Amerikaner fragen: Einerseits ist die Zahl derer, die keinen Job haben, auf elf Millionen gestiegen; mit 10,1 Prozent erreichte die Arbeitslosenquote im September ihr höchstes Niveau seit 1941, als die USA noch unter den Fernwirkungen der Großen Depression litten.

Andererseits ist an der Wall Street die große Euphorie ausgebrochen. Der große Börsensaal der New Yorker Stock Exchange schien in den vergangenen zwei Wochen gefüllt von einem Haufen Ameisen, die hektisch Kauf- und Verkaufsorder hin und her schleppten. Zum zweitenmal innerhalb von zwei Monaten kam es bei Rekordumsätzen zu rasenden Kursbewegungen nach oben. Die Kaufpanik der Spekulanten trieb den Dow Jones Index in nur fünf Tagen um fast 80 Punkte nach oben. Und in der vergangenen Woche durchbrach dieser Index, der aus den Kursen von dreißig erstklassigen Industrieaktien errechnet wird, sogar zeitweise die Schallmauer von 1000.

Was bedeutet das alles? Bedeutet die schockierend hohe Arbeitslosigkeit, daß die gegenwärtige Rezession einmündet in eine Depression im Stile der dreißiger Jahre? Oder bedeutet der Aktienboom, daß die wirtschaftliche Erholung "gleich um die nächste Ecke" beginnt, wie sich einst Präsident Hoover ausdrückte. Dieselben – ominösen – Worte wählte jetzt Ronald Reagan, um seiner Zuversicht Ausdruck zu geben.

Die Verbreitung von Optimismus ist seit Wochen die Hauptbeschäftigung des kreuz und quer durch Amerika reisenden Präsidenten. Denn in zwei Wochen sind Kongreßwahlen und die Demokraten versuchen daraus eine Abstimmung über die Wirtschaftspolitik der Regierung Reagan zu machen: Reagonomics ist an allem schuld. Im Lager der Demokraten hofft man, daß den Wählern endlich "der Geduldsfaden reißt", wie es der Kongreßabgeordnete James Shannon ausdrückte, nachdem die Arbeitslosenquote zweistellig geworden ist.

Die bisherige Belastbarkeit des Geduldsfadens legt allerdings die Vermutung nahe, daß die Amerikaner die Lage zwar als trübe, aber noch nicht als so katastrophal sehen, wie man eigentlich annehmen müßte. Vielleicht liegt das daran, daß viele Familien heute zwei oder gar drei "Ernährer" haben. Der Verlust eines Arbeitsplatzes ist deshalb für die betroffenen Familien nicht so ein harter Schlag wie noch vor zehn Jahren, als Daddy in der Regel noch Alleinverdiener war.