In Syrakus auf Sizilien erzählen Reiseführer den Touristen noch heute, wie dort vor mehr als zwei Jahrtausenden, genau im Jahr 212 vor Christus, während des Zweiten Punischen Krieges eine die Stadt angreifende römische Flotte auf raffinierte Weise vernichtet worden sei, noch ehe sie richtig zum Einsatz kam: Der berühmte, in Syrakus lebende griechische Mathematiker und Mechaniker Archimedes habe die Schiffe von Land aus mit riesigen Brennspiegeln in Brand gesetzt; von den sechzig Fünfruderern unter Führung des römischen Konsuls Marcus Claudius Marcellus sei keiner entkommen.

Die meisten Historiker haben diese bekannte Erzählung als Legende abgetan. Aber es hat immer wieder auch andere gegeben, die die Geschichte für wahr oder zumindest für möglich hielten. Denn daß Brennspiegel zu jener Zeit bekannt waren, ist nicht zu bezweifeln. Erlosch in Rom ein heiliges Feuer, so wurde es, wie Plutarch berichtet, gewöhnlich mit Hilfe bronzener oder silberner Brennspiegel oder mit Hilfe von Brenngläsern neu entzündet. Funde aus dem Palast des Assurbanipal in Ninive beweisen, daß Brenngläser schon um 640 vor Christus benutzt wurden und entweder aus Bergkristall oder aus Glas hergestellt wurden. Aber es ist natürlich ein gewaltiger Unterschied, ob auf diese Weise etwas leicht Brennbares aus nächster Entfernung und in aller Ruhe entzündet wird oder ob auf dem Wasser dümpelnde Schiffe aus weiter Entfernung entflammt werden sollen.

Wie erfolgreich sich die Syrakuser gegen die römische Flotte zur Wehr setzten, und zwar unter Einsatz der von Archimedes konstruierten Verteidigungsmaschinen, hat um 100 nach Christus der Historiker Plutarch in seiner Marcellus-Biographie geschildert. Da heißt es: "Als Archimedes seine Maschinen spielen ließ, da... erhoben sich gegen die Schiffe über den Mauern plötzlich Kräne, die entweder schwere Lasten von oben auf sie niederfallen ließen und sie so in die Tiefe versenkten oder sie mit eisernen Händen oder Haken in Form von Kranichschnäbeln am Bug erfaßten, sie hochschoben und senkrecht, das Heck voran, ins Meer stürzten oder sie mit starken Trossen, die innen angezogen und aufgerollt wurden, gegen die unter den Mauern emporragenden Felsen und Klippen schmetterten, so daß sie unter starken Verlusten für die Besatzung in Stücke gingen. Oft war es da ein schauriger Anblick, wenn ein Schiff, hoch aus der See emporgehoben, hin und her baumelte und dahing, bis die Mannschaft abgeschüttelt oder weggeschleudert war und es leer gegen die Mauern prallte oder, wenn der Griff des Hakens nachließ, hinabstürzte."

Auch erzählte Plutarch von gewaltigen Steinen, die gegen die Schiffe geschleudert wurden. Von Brennspiegeln und von Feuer berichtete er jedoch nichts. Auch bei dem etwa gleichzeitig schreibenden Livius und bei dem rund 100 Jahre früher lebenden Polybios, die beide ausführlich die Verdienste des Archimedes bei der Verteidigung von Syrakus schilderten, ist davon nicht die Rede.

Die Geschichte von den Brennspiegeln scheint erst sieben Jahrhunderte nach dem Kampf um Syrakus (der 212 mit dem Sieg der Römer endete, wobei Archimedes von einem Soldaten erschlagen worden sein soll) aufgekommen zu sein. Jedenfalls wird sie zuerst bei Anthemios von Tralles erwähnt, der als Mathematiker und Architekt in Konstantinopel arbeitete, wo er mit Isodorus aus Milet die Hagia Sophia erbaute, beziehungsweise entwarf (532 bis 537). Anthemios verfaßte auch ein Werk über Hohl- und Brennspiegel. Darin erwähnte er die Geschichte von Archimedes.

Ausführlicher beschrieben wurde sie jedoch erst nach weiteren sechs Jahrhunderten, und zwar in der Weltchronik des um 1200 in Konstantinopel lebenden Mönchs Johannes Zonaras und im Werk des etwas jüngeren byzantinischen Dichters Johannes Tzetzes. Aber wie die Spiegel funktionierten, wie viele es waren, wie groß, aus welchem Material, ob es Parabolspiegel oder viele plane Spiegel waren, das wurde nicht gesagt.

1747 kam der französische Naturwissenschaftler G.-L. Buffon auf den Gedanken, die Geschichte experimentell anzugehen. Das ist danach mehrmals versucht worden, zuletzt 1975 von dem griechischen Ingenieur I. Sakkas. Ihm gelang es, leicht brennbares Material mit Hilfe gebündelter Sonnenstrahlen über Entfernungen bis zu 100 Metern zu entzünden, aber gewissermaßen unter Laborbedingungen. Er benutzte Spiegel aus 1,70 mal 0,69 Meter großen planen Glasplatten, die (eingefaßt in Metallrahmen) auf der Rückseite dünn mit Kupfer beschichtet waren. Solche stark reflektierenden Spiegel waren in der Antike nicht bekannt. Aber selbst mit ihnen mußte das Sonnenlicht 30 Sekunden lang genau auf dieselbe Stelle gehalten werden, um genug Hitze zu erzeugen.

Erst als Sakkas 70 solcher Spiegel gleichzeitig auf ein hölzernes Ruderboot richten ließ, fing das Boot in wenigen Sekunden Feuer. Aber bei diesem Versuch vor der Küste von Athen ging es um ein einziges, ruhig daliegendes Boot. Vor Syrakus handelte es sich um sehr viele Schiffe, und das Unternehmen hätte bei Tage erfolgen müssen, während die Römer alles beobachten konnten, was die Verteidiger auf ihren Mauern anstellten. Die experimentellen Versuche zeigten, daß jene Geschichte von Syrakus eine Legende ist.