ZEIT: Warum ist die Bundesbank auf dem Weg zu niedrigeren Zinsen plötzlich so mutig geworden?

Geiger: Die außenwirtschaftliche Belastung der Geldpolitik hat in den letzten Monaten deutlich nachgelassen, wie sich vor allem am Ausgleich der Leistungsbilanz zeigt. Vor allem hat die Zinssenkung in den USA neuen Spielraum für die Bundesbank geschaffen. Gleichzeitig verschlechtert sich leider die binnenwirtschaftliche Entwicklung weiter. Das Risiko einer kumulativen Abwärtsbewegung der Konjunktur wächst, und der Investitionsmotor ist bisher noch nicht angesprungen. Eine Zinssenkung ist derzeit auch gegenüber dem Sparer nicht zu verantworten, weil die Inflationsrate deutlich zurückgeht.

ZEIT: Die Inflationsrate hat sinkende Tendenz, richtig. Aber ist die Kurskorrektur der US-Zentralbank schon die ersehnte Wende der Zinsentwicklung nach unten?

Geiger: Die US-Inflationsrate liegt gegenwärtig schon unter sechs Prozent und damit auf dem tiefsten Stand seit Anfang 1977. Wenn diese Tendenz anhält, kann der Zinstrend in den USA weiterhin deutlich nach unten gerichtet sein,

ZEIT: Ist die deutsche Leistungsbilanz wirklich dauerhaft stabilisiert, kann das positive Bild nicht durch den schwächer werdenden Export noch getrübt werden?

Geiger: Der sich abzeichnende Ausgleich der deutschen Leistungsbilanz bedeutet vor dem Hintergrund unserer schlechten Binnenkonjunktur nicht, daß sich die außenwirtschaftlichen Beziehungen in einem stabilen Gleichgewicht befinden. Bei einer Belebung der Binnenkonjunktur wird sich die Leistungsbilanzsituation automatisch verschlechtern, wenn nicht, gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gesteigert wird.

ZEIT: Wenn die Bedingungen für sinkende Zinsen günstiger sind als je zuvor, dann müßten die Kreditinstitute auch mehr als bisher bereit sein, Zinssenkungen an ihre Kunden weiterzugeben. Waren da nicht fast alle Institute sehr zögernd, weil sie höhere Sollzinsen zur Verbesserung ihrer Ertragslage nützen wollten?