Von Anna v. Münchhausen

Irgendwann einmal, das weiß sie, wird es in Südafrika ein Vorher und ein Nachher geben. Vorher: die Zeit der Apartheid, der strikten Rassentrennung, die die Existenz der Menschen bis in die kleinen Alltäglichkeiten hinein von den Zufällen der Hautfarbe und des Wohnorts abhängig macht; Bürger als Funktion in einem Apparat von offensichtlichen und subtilen Diskriminierungen und Reglementierungen. Die Konflikte und psychologischen Mechanismen im Zusammenleben von Engländern, Buren, Schwarzen, Juden und Indem hat die Schriftstellerin Nadine Gordimer in mehreren Romanen (Entzauberung, Burgers Tochter, Fremdling unter Fremden) und vielen Novellen beschrieben.

Zum erstenmal hat sie in ihrem neuesten Roman, Julys Leute, jetzt das Nachher skizziert. July, so heißt der schwarze Bedienstete der Architektenfamilie Smales nach dem Monat, in dem er vor 15 Jahren zu ihnen gekommen war: "Der anständig bezahlte, zufriedene Diener, der ein Zimmer im Anbau auf ihrem Hinterhof bewohnt und von ihnen zwei Garnituren Dienstkleidung erhalten hatte, aus Khakistoff für die grobe Hausarbeit, aus weißem Drillich, um bei Tisch zu bedienen, der mittwochs und jeden zweiten Sonntag frei hatte, Besuch von seinen Freunden haben durfte ..."

"Vorher" fuhr er alle zwei Jahre für mehrere Wochen zu Frau und Familie aufs Land, in ein kleines, ärmliches Dorf. Als das Nachher losbricht, ist dieses Dorf Ziel einer überstürzten Flucht der Familie mit dem Geländewagen. In der Hauptstadt toben Kämpfe, Plünderungen, Brände.

Der Rollentausch: Plötzlich ist es July, der Entscheidungen trifft, das Überleben überhaupt möglich macht. Wie es Maureen Smales sieht: "Sie und ihre Familie wurden von Julys Frauen, von Julys Familie ernährt, unterstützt, versteckt. Sie sah ihren Diener an: Die Smales waren von ihnen abhängig und auf sie angewiesen wie ihre Kühe und ihre Schweine."

Wann wird dieses Nachher beginnen? Die Autorin weiß es nicht. Es ist nebensächlich, findet sie. Und sie selbst, wohin würde sie am Tag X gehen? Auch das eine Spekulation, ein irrealer Konjunktiv – als verlange man von einem Bundesbürger, anzugeben, wohin er flieht, wenn die Atombombe fällt. Konflikt von Ratio und Emotion: Das Bewußtsein der Möglichkeit verschwimmt in der Weigerung, über die Konsequenzen nachzudenken.

Die Weißen, so sieht es diese Südafrikanerin, können in diesem Land zum Opfer der Geschichte werden. Auch wenn sie eine "klassische" Revolution zwar für möglich, jedoch nicht unumgänglich hält, ist für sie eine andere Art Revolution längst im Gange. Kein plötzlicher Umsturz, der von heute auf morgen alles verändert, sondern eher eine Beschleunigung in der Serie von Erhebungen, die sich allmählich immer schneller ablösen könnten. Das Klima der Bedrohung und Verheißung als Konstante: Schon die Unruhen von Soweto dauerten, was in Europa schnell vergessen wurde, beinahe ein Jahr.