Von Heinz Josef Herbort

Ihre Existenz verdankt sich einem beherzten Protest oder, um einen zur Zeit geläufigeren Ausdruck zu benutzen, dem "Mut zur Wende". Die generelle Ursache sowohl als auch derspezielle Anlaß sind ebenfalls mit heute gängigen Begriffen zu bezeichnen: Zu weitverbreiteter Frustration mit stagnierender Produktivität kamen ökonomische Sachzwänge. Ein nach Ansicht der Mehrheit einseitiges, ausschließlich die Arbeitnehmer treffendes Sparprogramm löste den letzten Schritt aus: Durch ein konstruktives Mißtrauensvotum stürzten im März 1882 50 von 59 Musikern ihren Chef Benjamin Bilse und wählten den Professor Ludwig von Brenner zu ihrem neuen Leiter. Am 17. Oktober 1882 gab die neue Koalition unter dem Namen "Berliner Philharmonisches Orchester" ihr erstes "populäres", eine Woche darauf, am 23. Oktober, ihr erstes "Abonnements"-Konzert vor heimischem Publikum. 100 Jahre später wiederholten soeben die Berliner Philharmoniker diese beiden "Gründungsprogramme". Und da zeigte sich, daß vieles, aber längst nicht alles sich geändert hat im Laufe von 100 Jahren Musikgeschichte.

Benjamin Bilse, patriarchalischer Alleinherrscher – nämlich Unternehmer, also Arbeitgeber, aber auch Veranstalter und Dirigent – seines Ensembles, hatte bis 1867 mit dem Magistrat seiner Heimatstadt Liegnitz zusammengearbeitet, war dann über Paris nach Berlin gekommen und bestimmte dort mit sechs Konzerten pro Woche (montags Wagner, dienstags Klassik, mittwochs Chor, donnerstags Tanz, freitags Zeitgenössisches, samstags Unterhaltung) das Musikleben ganz entscheidend, im Positiven wie im Negativen, in der Quantität wie in der Qualität – was hier gleichbedeutend war mit allenfalls Mittelmäßigkeit.

Zwar war seine Kapelle für eine gute Disziplin bekannt, hielt beispielsweise sehr darauf, daß "bei den Streichinstrumenten einerlei Strichart, wie sie vorgeschrieben war, genau ausgeführt und innegehalten" wurde. Aber was an Homogenität und Präzision, vor allem auch an Expressivität möglich war, wurde den Bilseschen Musikern vorgeführt, als vom 7. bis 9. und vom 16. bis 18. Januar 1882 die "Meininger Hof-Capelle" unter Hans von Bülow in Berlin gastierte und – Himmel, waren das noch Zeiten, als weder Platten noch Rundfunk weltweit den Standard bestimmten – "eine wogende Brandung heraufbeschwören" konnte. Prompt verlangte der Kritiker der Berliner Zeitung süffisant, dem "großen Dirigenten ein anderes Pult anzuweisen".

Der kleine Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte: nach der bei ihm üblichen Devise "divide et impera" bot Bilse für ein Gastspiel in Warschau jedem seiner Musiker getrennt einen Vertrag mit einem unsäglich niedrigen Honorar, dazu die Bahnfahrt vierter Klasse an. Die lehnten nicht gerade dankend ab und gründeten das erste autonome Philharmonische Orchester in Deutschland mit einer seinerzeit absolut avantgardistischen "demokratischen" Verfassung: Vor einem Notar verpflichteten sie sich zu "gegenseitigem unverbrüchlichen Zusammenhalten"; ungewollt wichtiger aber war wohl der Statuten-Passus, nach dem sie auch zur "persönlichen Haftung für die Ausgaben des Orchesters" verpflichtet waren.

Hundert Jahre später ist das Berliner Philharmonische Orchester in seiner Autonomie ungebrochen, in seiner republikanischen Struktur unerreicht. Seine Qualität garantiert auch einen wirtschaftlichen Erfolg. Ob aber anno 1982, wo das Etikett "Philharmoniker" manchen freien Rubel zum Rollen bringt, auch nur ein Streichquartett oder ein Bläserquintett zu halten wäre, würde einem Musiker gar nicht einmal mehr als eine nur annähernd vergleichbare ökonomische Verantwortlichkeit und Selbsthaftung zugemutet?

Zweifellos waren die 150 Mark von 1882 um einen beachtlichen Faktor mehr wert als die von 1982. Aber die 59 Philharmoniker des Jahres 1882 spielten – die Proben nicht mitgerechnet – 309 Konzerte; im Jahre 1982 verzeichnet das Programm für die 114 Musiker 93 Berliner Aufführungen und sechs Reisen (Salzburg/Luzern; New York/Mexiko; Salzburg; Wien; Salzburg/Prag; Paris/London). Vor einem Tarifvertrag für Musiker in Kulturorchestern sind, wer wollte es anders vermuten, auch Berliner Philharmoniker nicht geschützt. Aber ein Großteil ihres Gehaltes besteht in der Ehre, zu diesem Orchester zu gehören – und ein Schelm, der Übles dabei dächte, wenn jemand auf die Idee kommt, nach den Gesetzen so – christlicher wie demokratischer Marktwirtschaft auch diesen Teil möglichst gut zu versilbern. Der vitale Einsatz, der Fleiß und Elan der Musiker tragen so den Ruf Berlins in alle Welt – formulierten die Philharmoniker selber ganz ohne Ironie in einem Brief an eine Berliner Zeitung noch kürzlich.