Es war einmal ein Land in Mitteleuropa, das wurde von seinen Nachbarn neidvoll als das Land der Dichter und Denker apostrophiert, hatte es doch schillernde Persönlichkeiten wie Goethe und Kleist hervorgebracht. Weit gebracht hatte dieses Land es auch mit seinen Schulbüchern. Nicht weniger als 50 Verlage hatten sich dieser Spezies Buch verschrieben und druckten, was die Maschinen hergaben.

Als Milch und Honig noch in Strömen flossen und Sparmaßnahmen noch nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt waren, mußten in fast je-, dem Bundesland im Rahmen der staatlich verordneten Wohltaten, die dem Spender aber bald zur Plage gereichten, jedem Schüler die Taschen prallvoll mit druckfrischen Schulbüchern gefüllt werden. Schließlich sollten die Deutschen mit Hilfe von rotierenden Bildungs- und Schulreformen wieder Weltmeister werden. Sollte doch früher schon mal an deutschem Wesen die Welt genesen!

Nun gibt es bei uns Bild (die mit den großen Buchstaben) mit einer Auflage von 4,7 Millionen Exemplaren werktäglich, und so viele Käufer können doch nicht irren. Daneben gibt es noch Comics (nur echt mit Sprechblasen), deren Auflagen Legion sind. Beide haben den großen Vorteil gegenüber Zeitungen und Büchern, daß man beim Begucken nicht zu denken braucht; man kann sozusagen wie im Urlaub seinen Verstand im Sommerwind baumeln lassen. Diesem Sachverhalt stehen die erwähnten Reformen mit jeweils aktualisierten und verbesserten Schulbüchern diametral gegenüber.

So sollte also durch eine Reform Abhilfe geschaffen werden und deshalb hegten denn einige Kumis (Abk. für Kultusminister) den Plan, den bisher einzuübenden deutschen Wortschatz bis zum Ende des vierten Schuljahres von 4000 auf 700 Wörter (zwecks Einsparung von Druckerschwärze) zu reduzieren.

Diese Reform bedingt natürlich wie viele vorausgegangene und für alle Beteiligten nicht immer erfolgreich verlaufene wieder veränderte Schulbücher. Man darf den Nachwuchs eben nicht überfordern, kann man doch heute Abitur in Sport und Musik machen. Da genügen 700 Wörter bis zum vierten Schuljahr schon mal. Wer mehr haben will, soll im Duden nachsehen und sich seine Wörter selber zusammensuchen, wie man das mit Lebensmitteln im Supermarkt auch tut.

Natürlich muß man die Anforderungen, nicht nur an den deutschen Wortschatz, vom fünften Schuljahr an dann auch zurücknehmen, soll man doch jungen Menschen nicht zuviel zumuten, sie nicht dadurch um ihr Erfolgserlebnis bringen und nicht an ihrer Selbstverwirklichung hindern.

Da jede Reform mit deutscher Gründlichkeit vorbereit, durchgeführt, überwacht und statistisch ausgewertet werden muß (beim Lesen der Rundschreiben der Kumis-Bürokratie wird vielen Lehrern heute schon schwindelig), sind bei der vorzubereitenden Reform – sonst wäre sie ja keine Reform, sondern nur ein Reförmchen – auch gleich wichtige Einzelheiten durch Ausführungsbestimmungen (wie Form, Farbe, Größe) festzulegen: Jedes Blatt des neoreformierten Schulbuches (1983: Luthers 500. Geburtstag, 1984: Orwell wird Wirklichkeit) wird in einer Spezialfolie eingeschweißt. Hiervon können bis zu sieben Photo-Kopien hergestellt werden. Bei der achten Kopie schmilzt die Folie und das Blatt wird unbrauchbar. 52 Blätter werden zu einem Deutschen Grundschulordner (Degru) zusammengefaßt (blau für evangelische, schwarz für katholische, rot für muslimische, weiß für andersgläubige Schüler). Das vereinfacht gleichzeitig die Statistik, fördert die Haltbarkeit und nutzt der Hygiene. Wenn das Buch in der Reinigung ist, verleiht der Buchhändler Ersatzexemplare (orange).