Von Karl-Heinz Wocker

London, im Oktober

The greasy pole", die Kletterstange mit Schmierseife, so nannte vor Jahren ein konservativer Minister – selber auf der Hälfte hängengeblieben – das Tätigkeitsfeld der Politiker. Man sieht das vor sich: Viele hieven sich empor, die meisten rutschen ab. Was für die Individuen gilt, trifft erst recht auf Parteien zu. Da wird dann die Stange zum Bergmassiv, die Kletterpartie zur vergeblichen Besteigung von Nordwänden. Die britischen Sozialdemokraten haben es in den anderthalb Jahren ihres Anlaufs erfahren müssen: Die ersten Etappen bewältigt man spielend, aber die letzten paar hundert Meter unterm Gipfel sind die schwierigsten.

Derzeit hängt die SDP zwischen Himmel und Erde. Sie kann Erfolge vorweisen. Dreißig Abgeordnete des Unterhauses haben sich dem Ruf nach der dritten Seilschaft angeschlossen, obwohl in Großbritannien eigentlich die Liberalen diese Rolle für sich reklamieren, und mit gutem Grund (Wählerschaft 1979: 4,3 Millionen, also fast 14 Prozent). Die SDP ist also bereits Partei Nummer vier in einem Land, das sich eines Zweiparteiensystems rühmt. Dieses hat allerdings seit dem Zweiten Weltkrieg mindestens dreimal nicht das produziert, was es verspricht, nämlich klare Mehrheiten. Attlee 1950, Wilson 1964 und noch einmal Wilson in der ersten Wahl des Jahres 1974 hingen so dicht an der 50-Prozent-Marke der Mandate, daß binnen kurzem neu gewählt werden mußte. Das Mehrheitswahlrecht schafft keine verläßlichen Mehrheiten, es scheucht nur konsequent Minderheiten weg.

Die können, wie die Liberalen wissen, bis zu zwanzig Prozent Stimmen holen und dennoch völlig einflußlos bleiben. Im Oktober 1974 errangen die Liberalen 19,3 Prozent, aber nur 14 Sitze. Die Labour Party gewann mit der bloß doppelten Stimmenzahl (37,2) gleich 301 Mandate, die Konservativen bekamen für 38,2 Prozent 297 Sitze. Kontinentale Beobachter der bis zum Falkland-Krieg scheinbar steil ansteigenden Publikumsgunst der SDP vergaßen die Nemesis dieses ungerechten Wahlrechts. Gleichwohl bleibt es das entscheidende Faktum bei allen Versuchen, den "Rahmen zu sprengen", wie die SDP-Führer ihr Vorhaben gern nennen.

Der "Rahmen" macht jedoch nicht die leisesten Anstalten zum Bruch. Labour und Konservative halten ihre Positionen. Die beiden Nachwahlen der nächsten Woche werden der SDP nicht jene spektakulären Siege bringen, wie sie vor einem Jahr noch gang und gäbe waren. Das Bild hat sich dennoch geändert: Die britischen Sozialdemokraten haben in einer Reihe von Sachfragen Antworten angeboten, die sich so deutlich von den Extremen der beiden traditionellen Klassenparteien links und rechts abheben, daß diese sich schon jetzt schwertun, das zu leugnen. Sowohl beim Jahrestreffen der Sozialisten in Blackpool wie auch beim Kongreß der Konservativen in Brighton fiel auf, wie häufig und heftig die SDP denunziert wurde, eine Partei, deren Bedrohung die etablierten Bataillone doch angeblich längst abgeschlagen haben. Und es sind mehr die politischen Vorschläge, weniger die personellen Alternativen, mit denen die SDP – zur Allianz mit den Liberalen vereint – Boden gewinnen kann.

Es ist ja auch nicht einzusehen, warum ein Wirtschaftspatient wie Großbritannien mit unbezahlbarem Rüstungsehrgeiz und einer Arbeitslosigkeit, die alle Nordsee-Ölgewinne aufzehrt, keine andere Zukunft haben solle als die Aderlasse der Thatcherschen Sparpolitik oder die rigiden Streckverbände einer noch totaleren Verstaatlichungskur der Labour Party. Die Sozialdemokraten, überwiegend von Labour abgespalten, können es sich leisten, weder dem einen noch dem anderen viel Geschmack abzugewinnen.