Von Michael Stürmer

Bismarck stellte seine Sache nicht aufs Biegen, sondern aufs Brechen. Darüber stürzte er, als Kaiser und Generalität ihm 1890 nicht mehr folgen mochten, die bürgerlichen Parteien das selbständige Denken probten und die Sozialdemokratie bei den Reichstagswahlen mehr Stimmen und Sitze errang als je zuvor. War das Sozialistengesetz für nichts gewesen? Umsonst die Sozialpolitik? Die ersten industriellen Massenstreiks im Ruhrgebiet und in Schlesien besiegelten das Ende der Ära Bismarck. Sie besiegelten aber auch das Ende eines Politikverständnisses, das der Demokratie keinen Platz einräumte.

Deutschland war ins Zeitalter der industriellen Massengesellschaft eingetreten. In der dürren Zahlensprache des Statistischen Jahrbuchs ist der Wandel festgehalten: nach der Wertschöpfung, der Beschäftigtenzahl und den Investitionen hatte die Industrie aller Branchen die Führung übernommen; die Agrarwirtschaft mußte zurücktreten – das wurde in den Massenstreiks dramatisch sichtbar. Nach Bismarck begann denn auch jener abrupte Wechsel in der Politik, der als "Neuer Kurs" angekündigt wurde und alsbald mehr Sozialpolitik, mehr Industriewirtschaft, mehr Arbeitsplätze und mehr Wachstum brachte, vielleicht auch eine letzte Chance für liberale Innenpolitik und friedliche Großmachtpolitik mit England bot. Indes gehörte dazu der informelle Imperialismus, der Deutschland, dem Machtstaat in der europäischen Mitte, am wenigsten gestattet war.

Es ist denkbar, daß die eigentlich bedeutsamen Ereignisse der Jahrhundertwende nicht in der Sprache der Politiker, der Militärs und der Statistiker buchstabiert wurden, sondern in der Sprache der Wissenschaftler, Dichter, Künstler und Architekten. Zwei wissenschaftliche Untersuchungen jedenfalls legen es nahe, die Risse in der Kultur, die sich damals auftaten, als Risse im Fundament zu begreifen:

Peter Mast: "Künstlerische und wissenschaftliche Freiheit im Deutschen Reich 1890-1901"; Schäuble Verlag, Rheinfelden, 302 S., 70,- DM.

Rüdiger vom Bruch: "Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung. Gelehrtenpolitik im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914"; Matthiesen Verlag, Husum; 512 S., 128,– DM.

Die Einheit aus Fortschritt und Zerstörung, die der Kultur der Weimarer Republik ihr zerrissenes Antlitz geben sollte, entstand schon um die Jahrhundertwende. Beide Bücher, das eine mehr der Kunst und dem Theater zugewandt, das andere mehr Sozialwissenschaften und Historie, erinnern daran, daß jeder Gedanke der Zwanziger Jahre seine Wurzeln in den Aufbruchstimmungen der Jahrhundertwende hatte. Die Entdeckung, der Weg des Fortschritts verlaufe am Abgrund, eröffnete dem fin de siècle seine Denkperspektive auf Machtstaat, Sozialreform, Bürgerkrieg und Identitätsverlust.