Im Anfang war das Kraut. Und alle Pflanzen sprossen, soweit es die ökologischen Bedingungen und Freßfeinde und Konkurrenten zuließen. Und sie wuchsen und mehrten sich zu vielen, vielen Arten und schufen damit Lebensraum für noch mehr tierische wuchsen Und Gott sah, daß es gut war.

Dann kam der Mensch. Und er nahm das Kraut und züchtete es und düngte es und schützte es vor seinen Feinden und Konkurrenten. Aber da war manches Pflänzchen, das wollte dem neuen Nutzkraut nicht weichen. Also sprach der Mensch: war diesen Äckern und in diesen Gärten dürft ihr nicht wachsen, sonst werdet ihr sterben. Aber das Kraut sicherte sich nicht um das Verbot. Da sprach der Bauer und Gärtner: So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden. Und er jätete und zerhackte und entwurzelte das Kraut, das er fürderhin Unkraut nannte, im Schweiße seines Angesichts. Und Gott sah, daß es gut war.

Dann kam der Forscher. Und er nahm das Kraut und studierte es, und er fand Wege, das Nutzkraut zu fördern und das Unkraut, das nicht vergehen wollte, auch ohne krummes Kreuz und schweißiges Angesicht vergehen zu lassen. Und der Chemiker gab dem Bauern und Gärtner das Gift gegen das Unkraut, das er Herbizid nannte. Und der Bauer und Gärtner spritzte das Herbizid, daß dem Unkraut das Wachsen und dem von ihm lebenden Tieren das Gedeihen verging. Und Gott sah, daß dies eigentlich nicht so gut war.

Dann kam der Bürokrat. Und er sah seine Chance, ein für allemal Ordnung zu machen im Reiche des Menschen. Und er schuf Verordnungen gegen Disteln und Franzosenkraut und Brennnesseln und Huflattich und Berberitzen und vieles mehr. Und er drohte den Bürgern Ordnungsstrafen an, wenn sie nicht jäteten und spritzten und ihre Acker und Gärten und Straßenfronten freihielten von dem Unkraut. Aber die Bürger waren dem Bürokraten wohlgesonnen und hackten und sprühten auch ohne Strafandrohung, daß es ihm zur Freude gereichte. Und siehe, das Unkraut verging doch, und mit ihm vergingen die Schmetterlinge und andere Insekten, und mit denen verschwanden auch die Vögel, die von ihnen lebten. Und es herrschte Ordnung im Lande, und Gras wuchs wo des Grases war, und Kohl wo des Kohles, und keine Ameise wagte sich mehr über die Terrasse vor dem Haus. Und Gott sah, daß dies überhaupt nicht gut war.

Dann kam der Ökologe. Und er sprach von Nahrungsketten und vernetzten Systemen und von Schadstoffanreicherungen und von den ganzen von sammenhängen, die zum Aussterben von Arten und zur Vergiftung der Umwelt führen. Und seine Propheten sprachen zum Bürger: "Weil du das getan hast, bist du verflucht / unter allem Vieh und den Tieren des Feldes. / Dein voller Bauch soll dir blähen / und die Furcht deine Seele fressen soll Tage deines Lebens. / Feindschaft setze ich zwischen dich und deine Frau, / auf daß sie statt Schwarzgeräuchertem Körner kaufe im Bioladen. / Angst setze ich zwischen dich und deinen Nachwuchs, der zu den Grünen überläuft, / und du sollst auch dann, wenn du beim Weibe bist, nicht loskommen von dem Gedanken an die nächsten Generationen, denen Distel und Klatschmohn fremd, aber Erbschäden und genetische Verarmung nah sein werden." Und Gott sah, daß die Buße gut und die Läuterung nah war.

Dann kam der einsichtige Reformer. Und er jätete in Gesetzen und Verordnungen in Hamburg und Hessen, in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz, in Niedersachsen und Bayern. Und aus dem Unkraut wurde ein Wildkraut, und aus Strafandrohungen wurden Ermahnungen, dem Unkraut an einigen Stellen des Gartens und des Feldes doch auch einen Platz zum Wachsen zu überlassen. Und siehe da, aus dem asozialen Anarchisten nebenan mit seinem ungepflegten Garten wurde ein weitsichtiger Nachbar und Trendsetter. Und aus dem gnadenlosen Exterminator, der seinen Rasen keimfrei gespritzt hatte, wurde ein Lebensfreund, der das Gänseblümchen im Gras und die Ameise auf der Terrasse nicht gleich als Angriff auf seine sterile Seele betrachtete. Und Gott sah, daß Anarchie doch machbar ist, Herr Nachbar. Sie muß nur für Wildkräuter gelten und ökologisch begründet sein.

Günter Haaf