Von Werner Dageför

Einer deutschen Werbeagentur ist es zu verdanken, daß der Durchschnittsbürger hierzulande nicht völlig unwissend dasteht,

wenn vom viertgrößten Land Südamerikas, wenn von Kolumbien die Rede ist. Vor Jahren kreierten die findigen Absatzhelfer nämlich einen Typus von Sympathieträger, der inzwischen selbst Provinzkindern bestens bekannt ist als der "Tchibo-Mann". Und der freundliche, alte Herr mit Hut, Maßanzug und Aktenkoffer hat den Bundesbürgern eingebleut, woher ein Großteil ihres geliebten Kaffees stammt – eben aus Kolumbien.

Ansonsten melden die deutschen Medien, wenn überhaupt, fast nur Negatives. Berichte über die Zerschlagung von Rauschgiftringen etwa oder – viel schlimmer! – über die Unfähigkeit dieser Kolumbianer, ein paar Fußballspiele richtig zu organisieren. Viele Kolumbianer sind über die Absage der Fußball-Weltmeisterschaft 86 gar nicht so traurig. Denn an Geld zum nötigen Ausbau der Stadien herrscht chronischer Mangel.

In Kolumbien tröstet man sich mit der Zukunft. Irgendwann, so wird in offiziellen Verlautbarungen immer wieder Mut gemacht, werde der Reichtum schon über das Land und seine Einwohner kommen. Theoretisch müßte es längst soweit sein, denn an Bodenschätzen ist alles da, was gut und teuer ist: Gold und Platin, Smaragde und Erdöl. Aber bis die Zukunft endlich da ist, müssen sich Haushaltshilfen und Putzfrauen weiter mit einem Tagesverdienst von zehn Mark abfinden.

Daß die Mehrzahl der Kolumbianer kein Sparbuch besitzt, merken deutsche Touristen, die nach rund 17 Flugstunden frühmorgens in Bogotá landen, schon auf dem Weg vom Flughafen in das Zentrum der Hauptstadt. Mauern und Hecken entlang der Straße können die Slums der Vorortbewohner nicht verdecken. Überwiegend aus diesen Elendsquartieren stammen auch die "Gamines", die kleinen Diebe, vor denen die einschlägigen Reiseführer so eindringlich warnen. Diese listigen, stets hervorragend aufeinander abgestimmten Kinderbanden lauern in der gesamten Innenstadt, vor allem aber in den Geschäftsvierteln rund um die Hauptstraße Carrera 7 auf arglose Opfer, die Kameras und Handtaschen allzu locker tragen.

"Das mit den Kinder-Gangs ist völliger Unsinn", beruhigt die resolute, aus Europa stammende Reiseleiterin, "hier ist es nicht unsicherer als bei euch in Deutschland." Am nächsten Tag traut sich keiner, sie zu fragen, wo sie denn über Nacht ihren linken Ohrring gelassen hat. Da, wo er gestern noch blitzte, ist heute nur noch ein Wundpflaster zu sehen. "Gamines" greifen kräftig zu.