Ganze Schulklassen fuhren in die Wüste hinaus, um – so die amerikanische Atomenergiekommission AEC – Zeuge zu sein, wie Geschichte gemacht wird. Heute, rund dreißig Jahre später, wollen Zeugen der epochemachenden A-Bomben-Versuche im US-Bundesstaat Nevada die amerikanische Bundesregierung auf rund 2,4 Milliarden Dollar Schadenersatz verklagen. Denn das nukleare Feuerwerk der fünfziger und sechziger Jahre scheint eben doch nicht so harmlos gewesen zu sein, wie die Regierung behauptet.

Wenigstens glauben die Anwälte der betroffenen Bevölkerung, nun die Beweise in Händen zu haben, daß der den Testexplosionen folgende radioaktive Niederschlag verantwortlich ist für Krankheit oder gar Tod von mindestens dreihundert Personen. Kürzlich haben in Salt Lake City die Anhörungen vor einem Distrikt-Bundesrichter begonnen, der nun entscheiden muß, ob zwischen den A-Bomben-Versuchen und dem gehäuften Auftreten gewisser Krebsarten unter der Bevölkerung am Rande des Testgebiets ein Zusammenhang besteht.

Über hundertmal wuchs in den Jahren 1951 bis 1963 über der Wüste von Nevada, etwa 200 Kilometer nordwestlich von Las Vegas, der Atompilz in den Himmel. Die amerikanische Bundesregierung versicherte den Anwohnern, die A-Bomben-Explosionen seien vollkommen ungefährlich, und lud gar jedermann ein, die Show – aus der Ferne – mitzuerleben. Auch die Bewohner der Städtchen Hiko/Nevada und St. George/Utah im Osten (und damit in der Windbahn) des Versuchsgeländes schenkten den offiziellen Zusicherungen und den Technikern, die jeweils hinterher Boden- und Vegetationsproben einsammelten, Vertrauen. Was die Bevölkerung damals nicht wußte, war, daß die aus den Meßergebnissen errechnete Strahlenbelastung lediglich einen Mittelwert darstellte, daß daher die Existenz von "heißen Stellen" mit gefährlich hoher Radioaktivität nicht auszuschließen war.

"Die sagten uns bloß immer wieder, alles sei in Ordnung. Und derweil verbrannte der Staubregen meine Arme und tötete meine Schafe", erinnert sich Keith Whipple, ein Farmer, dessen Bruder inzwischen an Lungen-, Hirn- und Bauchspeicheldrüsen-Krebs verstorben ist. "Plötzlich kamen all diese Krebserkrankungen, die wir vorher nie hatten", so Eimer S. Picket aus St. George. "Den Leuten fielen die Haare aus, sie bekamen Brandwunden. Und viele sind heute tot." So auch Pickets Frau, die 1960 an Lymphkrebs starb.

Das Problem für die Anwälte der Strahlengeschädigten besteht darin, den Zusammenhang zwischen radioaktivem Niederschlag und dem gehäuften Auftreten von Krebs stichfest zu beweisen. Zwar lassen die Statistiken einen kausalen Zusammenhang vermuten – so erkrankten zum Beispiel in den Bezirken um das Testgelände dreimal so viele Menschen an Leukämie wie "normal" wäre –, die Frage ist aber eben: Was ist "normal"? Da die Statistiken kaum bis vor die Atomtest-Serie zurückreichen, kann die Regierung auch behaupten, der Blutkrebs sei in Nevada schon immer häufiger vorgekommen als andernorts.

Einen Punkt können die Kläger allerdings bereits für sich buchen. Die Bundesregierung habe nach den Bombentests "Tatsachen unterschlagen und Zeugen unter Druck gesetzt", befand ein Richter in Salt Lake City. Eine 1956 abgewiesene Schadenersatzklage von Farmern, deren Schafe dem radioaktiven Niederschlag (so die Kläger) zum Opfer gefallen waren, muß somit erneut vom Gericht angehört werden. Tatsächlich mehren sich die Aussagen (auch von ehemaligen Armeeangehörigen), daß bei den Probemessungen nach den Testexplosionen nicht immer alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Und so besteht die Hoffnung, daß – nach den Schafen – nun auch die Menschen am Rand des ehemaligen Bomben-Testgeländes, wenn schon nicht wieder zu ihrer Gesundheit, so doch wenigstens zu ihrem Recht

Ulrich Goetz